Montag, 17. Juli 2017

41.Tag: Von Sittingbourne nach Canterbury


die Route


WAS FÜR EIN SCHÖNER ABSCHLUSS DER INSELRUNDFAHRT!!!!

Oder fast der Abschluss. Denn Morgen geht es ja noch nach Dover, und Morgen Nachmittag dann hinüber - auf den "Kontinent". 
Kontinent geht ja noch, aber heute Morgen, in Faversham, habe ich beim Kaffee, ein nettes Radlerpaar getroffen, wir kommen ins Gespräch, - was sind meine weiteren Pläne? Morgen werde ich in Dover auf die Fähre..., 
"Ah, dann gehst du zurück nach Europa!" - Ich bin komplett baff. Ein aufgeschlossenes weitgereistes Paar sagt, "dann geht es also zurück nach Europa!"
Ich bringe gerade noch heraus, ich hoffe doch "geographically speaking" gehört ihr auch noch zu Europa. Da klappt ihm ein wenig die Kinnlade runter, - Betroffenheit? Die Unterhaltung ist damit beendet.

Aber von Anfang an.

"Mist rolling in from the sea.." Heute Morgen trifft das zu. Es ist nicht kalt. Es ist nicht diesig, da kommen richtige Dunstschwaden vom Meer her.
Gut zum Radfahren. Die Strecke hügelig.
Es sind ja nur etwas über  40 km bis Canterbury. Das soll heute noch einmal ein richtiger Sightseeing Tag werden.
In Faversham, siehe oben, mache ich Kaffeepause. Ein wirklich netter kleiner Flecken. Jetzt kommt die Sonne langsam raus, ein Akkordeonspieler - elektrisch verstärkt und mit viel Hall, spielt die Oldies rauf und runter, - richtig idyllisch.


Ich sitze da in der Sonne und finde es in dem Moment richtig schade, dass ich Morgen schon von der Insel soll. Da kommen meine beiden Radlerfreunde. 
Als hätte jemand mit einer Nadel in einen Ballon gestochen! Peng!
Ich ziehe weiter über die Hügel und fange langsam an mit resümieren, was war gut, was hat mir gefallen... Doch davon später.

Vor Canterbury noch ein richtig saftiger Anstieg. Zwei Kids aus einem Dorf in der Nähe klettern mit mir hoch. Wir unterhalten uns, sie fragen mich aus - und finden mein Fahrrad toll. - Kenner! Muss man ihnen lassen. Anscheinend fällt mein Rad hier auf. Das war nicht das erste Mal! Ich finde mein Rad ja auch toll, aber so auffallend dann auch wieder nicht! Aber hier auf der Insel anscheinend doch.

Dann eine lange, lange Abfahrt nach Canterbury.
Ich komme schon um 12:30 an. Klar, dass mein Zimmer im Studentenwohnheim der Christchurch University noch nicht beziehbar ist. Aber ich darf mein Fahrrad abstellen und mich umziehen  - und Canterbury erkunden.

Was für ein wunderbarer letzter Tag. 
Canterbury, vor allem die Kathedrale ist der Hammer. Ich kann mich nicht erinnern, dass ich mich schon einmal länger in einem Kathedralenbezirk  aufgehalten habe.
Schade, dass der Turm und andere Bereich eingerüstet sind, aber es gibt immer noch genug zu entdecken und zu bestaunen.
Zuerst einmal die Größe ist beeindruckend. Aber auch die vielen, vielen Details.


Ein Grabmal hat es mir besonders angetan. Oben liegt der Erzbischof in "vollem Ornat", drunter das abgemagerte alte Männlein, all seiner Würden beraubt. Das hat was.




Und dann natürlich, "das Martyrium" - der Ort wo Thomas Becket ermordet wurde. Schon komisch, wenn man schon einiges über den Ort gelesen hat und dann wirklich da steht. Da geht einem so einiges durch den Kopf.  Also der Heinrich, der Zweite und der Becket, der Thomas, die waren ja eigentlich mal befreundet. Auf Heinrichs Empfehlung hin, wurde der Becket, Thomas ja zum Erzbischof ernannt.
Dann kommt es zum Streit. Zum einen, weil der Heinrich kriminelle und korrupte Priester vor ein weltliches Gericht stellen will, und der Becket, Thomas, das nicht will.
Aus heutiger Sicht, würden wir sagen, hat der Heinrich ja nicht unrecht, wenn man an die pädophilen Priester denkt, die so lange keiner weltlichen Gerichtsbarkeit zugänglich waren.
Aber dann überzieht der Thomas und  provoziert weiter.
Der Heinrich wird wütend, sagt so etwas wie "der gehört umgebracht, der Hundsfott", und prompt ziehen 4 von seinen Rittern los und bringen ihn in der Kathedrale um.
OK, keine 3 Jahre später ist der Thomas von Rom heilig gesprochen und  so etwas wie ein Nationalheiliger. Canterbury wird zu dem wichtigsten Wallfahrtsort der Insel.
Nicht zuletzt ziehen ja Chaucer´s Pilger auch nach Canterbury um das Grab von Thomas zu besuchen.
So weit so ungut.
Wo ich jetzt nicht mehr mitkomme.
Canterbury ist die "Mutterkirche" der anglikanischen Christenheit, ok!
Der Erzbischof von Canterbury ist so eine Art Papst für die anglikanische Weltkirche (würde er strikt abstreiten - "primus inter paris" höchstens)
Aber der Gründer der Anglikanischen Kirche gewissermaßen, der Achte Heinrich, - hat den wichtigsten Heiligen der englischen Christenheit, in Nullkommanichts, aus der Kathedrale vertrieben.
Der Sarkophag wird zerstört.


 Dort wo der Sarkophag stand, leuchtet heute ein Kerze. Chapeau! Das ist eine gelungene Inszenierung. Die Kerze packt einen in ihrer Schlichtheit.
Aber was ich nicht verstehe. Wie stehen die Anglikaner eigentlich zum Becket, Thomas?  So richtig glauben sie ja nicht mehr an Heilige, und überhaupt, war der nicht ein wenig zu römisch?

Ist das Erdgeschoss schon beeindruckend, so haut mich der "Keller" um, so viele Krypten am Stück haben ich überhaupt noch nicht gesehen, die halbe Kirche ist unterkellert. Sehr alt, dann romanisch,  gotisch überarbeitet, fantastisch:


 Wunderschöne Säulen.


Kapellen in Kapellen,


Sehr alte Fresken,


Ein Heiligenschrein nach dem Anderen.

Und wenn man dann völlig geplättet wieder auftaucht, dann geht es gerade so weiter. Die Kreuzgänge,


Die Innenhöfe


Refektorien mit einzigartigen Decken


Und in den "Außenbezirken" hört das Staunen nicht auf!


Ein Tor, ein Durchgang nach dem Anderen. Ich breche ab. Canterbury muss man sich selbst anschauen.
Auch der Ort ist - trotz des touristischen Rummels - sehenswert. Das Schöne ist, dass die Schulklasse um 18:00 Uhr zum Essen müssen, dann machen die meisten Läden zu und die Stadt atmet auf.


In diesem wunderschönen Gasthaus, das um 1500 gebaut wurde, habe ich ein wirklich sehr ordentliches Roastbeef  - UND ein Shepherd Neame & Co Bier aus dem schönen  Faversham bekommen. Was will man mehr!!


Nein,  für Resümees ist es heute noch zu früh, dazu muss ich erst einmal wieder "in Europa" sein.

Aber eine Überlegung muss ich noch los werden. 
Ich hatte ja so manchen Abend, nach dem Blog, noch Zeit durch die englische Fernsehlandschaft zu zappen. Dabei ist mir so einiges aufgefallen.
Beliebt sind in England, wie bei uns, Natursendungen - und Regionales!

Wenn wir in Deutschland Serien haben wie, "Wildes Deutschland" oder "Deutschland von Oben", dann schaut sich der Engländer - "our wildlife" und "our wines", "our best dishes" oder "why are our potatoes so tasty" an.
Ich habe länger gegrübelt, "Die Weine von Mosel und Nahe", "Wandern in der Vulkaneifel" ich kann mich nicht erinnern, dass "uns und unsere" eine große Rolle in der Titelei der Fernsehanstalten spielt.

Und das gefällt mir eigentlich.

Am besten fasste eine junge, eloquente junge Dame, offensichtlich gut ausgebildet, zusammen, was mich in den letzten Wochen nahezu täglich irritierte.
Sie stand oben auf den Klippen von Dover. Ihr Haar vom Wind zerzaust.
"Schauen Sie sich diese Klippen an. Sehen sie nicht aus wie die Mauern einer Burg, einer unbezwingbaren Burg? England ist unsere (our) Burg...." Gänsehaut pur!
Und mehr als einmal habe ich im Fernsehen auf der Straße, von meiner Schwester, gehört: 
Wir sind eine Insel, wir gehören nicht "dazu"!


Der Brexit ist kein Unfall! Er ist die logische Konsequenz, eines schleichenden Identitätsverlustes!

Aber resümiert wird Morgen!
Wir sehen uns in Europa!



2 Kommentare:

  1. Das freut uns dann, denn wir sind Europäer aus tiefsten Herzen und heute werden wir als Profamilianer radeln und sicher an dich denken. Tschüssi, wie der Brandenburger sagt.

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  2. Scheiß Technik, soll natürlich Haken heißen!

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