Ganz gut, dass es im Schwarzen Bullen kein Frühstück gibt!
Die Haferkekse und der Nescafe im Zimmer sind Frühstück genug.
Aber Kopfweh bekommt man von Guinness ganz offensichtlich nicht. Heute Morgen, da ich so an meinen Haferkeksen mümmle, kommt mir die überraschende Erkenntnis, dass meine eigene "katholische" Jugend und die Erlebniswelt eines guten katholischen Iren vielleicht doch nicht so weit auseinander liegen.
Ganz aus den Tiefen längst vergessener Erinnerungen kommt mir, da ich so mümmle, ein Standardsatz aus meiner Katholischen Jugendgruppenzeit:
"Was sagt der Betrunkene, als ihm der Pfarrer, die letzte Ölung geben will?
`No nix feddigs!`" (zur Sicherheit für Nichtschwaben: "Bitte nichts Fettiges!"
`No nix feddigs!`" (zur Sicherheit für Nichtschwaben: "Bitte nichts Fettiges!"
Genau, ein englisches Frühstück, das in dieser Gegend einfach "fry" heißt, hätte ich unter gar keinen Umständen akzeptieren können.
Der Blick auf dem Fenster, lässt mich schneller mümmeln, scheint da tatsächlich die Sonne?
Das sind "alternative Wetterfakten"! Als ich aus dem Schwarzen Bullen rauskomme, ist von Sonne weit und breit nichts zu sehen. Es ziehen wieder schwerste Wolken übers Land.
Macht nichts! Es regnet nicht. Also auf geht´s!
Halt! Erst werfe ich noch 2-3 Stück von Barbaras Ingwer ein. Das wollte ich schon lange mal erwähnen. Egal, wie heftig, das Kratzen im Hals bisher war, dank des leckeren Ingwers von Barbara, bin ich bis jetzt gut durch die ganzen Wetterkapriolen gekommen, danke!
Nach wenigen Kilometern kommt bereits Antrim, wonach die ganze Grafschaft und die Berge benannt sind, die ich gestern durchradelt habe.
Antrim ist eine echte Überraschung.
Vor allem die Gärten, des ehemaligen Schlosses.
Wer die Blogs der vergangenen Jahre verfolgt hat, der weiß, dass es mich immer wieder fasziniert, wie in der Vergangenheit "Natur" neu erfunden wurde, bzw. nach "menschlichem Gutdünken" gestaltet wurde. Und die große Auseinandersetzung fand in der Gartengestaltung zwischen Frankreich und England statt.
Antrim ist ein Beispiel dafür, wie zuerst die "geometrischen" Gärten des absolutistischen Frankreichs, die um ein Zentrum herum, das Schloss des Fürsten, gestaltet wurden, immer mit Sichtachsen aufs Schloss, und wie dann in England später die Natur neu erfunden wurde, indem man den Park erfand, der so aussehen musste, als wäre er eine "natürliche" Landschaft.
Antrim nun hat als "französische" Anlage angefangen und wurde nach und nach angliziert. Das Ergebnis heute ist durchaus reizvoll.
Das sind die Reste der französischen Gartengestaltung -
Und diese Burgruinen, sind ganz zufällig in eine "wilde geheimnisvolle" Waldlandschaft geraten.
Wo ich diesen Gugelhupf hintun soll, weiss ich auch nicht. Reine Geometrie, ein Weg geht als Spirale zum "Gipfel" - oben ist nicht einmal ein Griechischer Tempel, also das war wohl ein Fehlversuch Frankreich und England gartenbautechnisch zu versöhnen.
Aber im Garten von Antrim ist noch eine andere schöne Geschichte versteckt.
Wenn ich schon das Denkmal des lieben Hundes aus Edinburgh nicht sehen konnte, dieses Denkmal für einen Hund stammt etwa aus dem Jahr 1612.
Einmal hat er Lady Marian ,Clotworthy gerettet als diese von einem Wolf attackiert wurde und der Wolfshund wie aus dem Nichts erschien und mit dem Wolf gekämpft hat. Sie nimmt in mit aufs Schloss versorgt seine Wunden, der Hund verschwindet danach wieder spurlos. Jahre später hört man ihn vor dem Schloss heulen - und warnt so die Bewohner vor einem Angriff auf ihr Schloss.
Das ist ja wohl wert mit einem Denkmal bedacht zu werden.
Vom Schloss selbst ist heute nicht mehr viel übrig.
Die "beeindruckenden" Schlosstore kommen mir seehr rekonstruiert vor.
In Antrim hat das "Flagge zeigen" auch schon angefangen.
Überall der Union Jack und Wilhelm von Oranien.
Nach Antrim geht es ziemlich lange den Berg hoch.
Zuerst auf kleinen Wegen, auf denen Jaime Lanister mit der "abben" Hand auf dem Karren gefahren ist (musste man nur ein paar Karren Dreck auf dem Weg verteilen).
Dann auf etwas größeren Sträßchen, kein Problem.
Auf halber Strecke den Berg hoch, - Kleiderwechsel. Beinlinge aus,- Armlinge an. Softshell aus, Windweste an. Das ist besser.
Lunchtime wollte ich auf dem Gipfel machen. Das war ein Flopp. Hier beginnen schon die Ausläufer von Belfast. Industriegebiet. Dann halt an einer Bushaltestelle. Denn inzwischen fängt der Wind wieder an und es beginnt zu nieseln.
Dass eine Abfahrt unangenehmer ist, als die Bergauffahrt, das habe ich bisher noch nie gesagt. Heute war es so. Es wird richtig frisch und der Verkehr am Samstag ist nicht angenehm. Denn unter der Woche ist die Busspur für Autos gesperrt nur Busse, Fahrräder und Taxis dürfen sie benutzen. Heute ist sie oft zu geparkt, so dass man auf die Fahrspur raus muss. Das ist lästig.
8 km Abfahrt! Und kein bisschen Genuss!
Irgendwann bin ich unten.
Wieder am Meer.
Und mittendrin in der Nordirischen Wirklichkeit.
Widersprüche am Wegesrand am laufenden Meter. Das ist das Haus des Oranierordens. Oben in der Siegerpose, der Rückeroberer Irlands. Tröstlich für mich, dass das Haus des Oranierordens ziemlich heruntergekommen ist.
Das Zentrum, wie alle Städte dieser Welt. Fußgängerzone. Einkaufszentren, Subway-McDonnalds, Starbucks, - wo sind die netten Pubs?
Vor der City Hall Demonstranten. "Demanding the End of Political Policing" . Das muss ich erst mal googeln um es zu verstehen.
Inzwischen weiß ich, dass damit gemeint ist, dass die Polizei nicht unparteiisch Straftaten verfolgt, dass Sinn Féin Taten schneller verfolgt werden, als die der Unionisten.
Es hat den Anschein, als werden die Demonstranten vor dem Zaun der City Hall, im Stundentakt gewechselt. Als ich mich nach dem Einchecken in meiner Unterkunft wieder auf Stadtbesichtigung mache, wehen Palistinänserfahnen vor dem Rathaus. Belfast ist irgendwie unter Strom!
Und dann!
Als hätte ich es geahnt. Vorgestern habe ich noch von den homophoben Tendenzen in Nordirland berichtet, - wobei ich da weder für die Katholiken noch die Protestanten die Hand umdrehe. Heute zieht eine riesige Demonstration vor die City Hall.
Es sind bestimmt einige Tausend Teilnehmer.
Beeindruckend die Breite der Solidarität. Von Lehrern,
über Feuerwehrleute
Gewerkschaften, Kommunisten und Trotzkisten, bis hin zu Psychologen
Das ist keine Gay-Parade, sondern eine politische Demonstration ein breites Spektrum der Gesellschaft abdeckt. Das hat mich sehr beeindruckt. Die Stimmung ist heiter, auch wenn der Regen langsam stärker wird.
Ich flüchte mich in ein Cafe. - Und ihr werdet es nicht glauben, selbst aus Kaffeetrinken kann man ein Statement machen.
Subtil, aber unübersehbar! In dieser Stadt "pritzelt" es an allen Ecken!
Doch wie lässt man einen Samstag in Belfast ausklingen?
Natürlich in der Bar.
Schade, dass man von dieser Bierhalle immer nur einen kleinen Ausschnitt ins Bild bekommt. Sie war wirklich beeindruckend groß. Und ein Krach, wie in einem Deutschen Bierzelt.
Was der Ire so in sich hineinschüttet! Wow!
Da kann ich heute - nach gestern Abend nicht mithalten.
Da schreibe ich lieber meinen Blog!
Morgen ist Sightseeing angesagt.
Ich melde mich.
Nein, natürlich singen wir heute nicht das bescheuerte "Belfast" von Boney M.
Und auch Elton Johns "Belfast" ist mir ein bisschen zu kitschig.
Und "Belfast Child" von Simple Mind - vielleicht oder auch nicht.
Also dann heute ohne gemeinsames Singen!
Gute Nacht.


















