Ich glaube, ich habe den Song für Belfast. Wenn er auch nicht direkt auf diese Stadt gemünzt ist:
"There must be some way out of here," said the joker to the thief,
"There's too much confusion, I can't get no relief..." (All around the watchtower)
Bob Dylan trifft meine Stimmung heute ziemlich gut. Was ist das nur für eine Stadt. Einerseits hier draußen im Univiertel ein Kneipen- und Musikangebot, schon am frühen Abend Livemusik. Die Leute saufen sich am Nachmittag schon den Verstand weg. Richtige Lebensfreude spüre ich dennoch nicht.
Und dann diese Geschichte - die keine Geschichte ist, die einen auf Schritt und tritt begegnet und von der die Belfaster selbst nicht weg kommen.
"There´s too much confusion..."
Ganz genau. Die Stadt verwirrt mich, macht mich sprachlos, ratlos, traurig.
Und gleichzeitig ist es auch schön hier.
Von den Unbillen in meiner Unterkunft will ich jetzt nicht anfangen, Schwamm drüber. Ich hoffe, dieses B&B war die aller unterste Schublade, die ich auf dieser Reise erleben musste.
Für den Morgen habe ich mir das Univiertel , den Botanischen Garten und das Ulster Museum vorgenommen.
Von Sonne mal wieder keine Spur. Es regnet aber auch nicht. Das ist doch schon mal gut.
Der Botanische Garten ist genau richtig um mal wieder in aller Ruhe Tai Chi zu machen. Aber bin ich das? Oder riecht es selbst hier nach Speck und angebranntem Toast. Ich werde den Geruch langsam nicht mehr los? Ich schnuppere an mir. Nein, ich habe mich noch nicht in ein "english breakfast" auf zwei Beinen verwandelt. Also riecht die ganze Stadt nach Speck und öligen Würstchen, - die, by the way längst nicht mehr die pork sausages sind, die ich aus den 70er Jahren kenne. Die heutigen sind jämmerliche Würstchen, vermutlich zum größten Teil mit Milchpulver und Stärke gestreckt und künstlichen Aromastoffen versehen. Seltsame Dinger.
Aber Halt. Ich mache ja gerade Tai Chi. Einatmen, ausatmen, einatmen .. riecht immer noch nach verbranntem Toast und Speck hier!
Der Botanische Garten ist sehr schön und bietet für mich eine echte Überraschung.
Ein richtiges Schmuckstück, dieses kleine Palmenhaus! Auf der Erklärungstafel lese ich 1839! Das gibt es doch gar nicht, noch vor Kew Garden?
Klar, diese Glas/Eisenkonstruktion ist nicht so groß wie das Glashaus in Kew, aber es hat die gleiche Bauweise. Die Schiffbau übernommen Elemente, vorgefertigt und genormt, so zusagen "Fertighausbau", mit Nieten wie bei den Schiffen, 1839 kann das sein?
Ich war immer der Meinung das Richard Turner der erste war und dass ihn ein paar Jahre später Paxton kopiert hat, der ja den fantastischen Glaspalast (Cristal Palace) für die erste Weltausstellung 1851 gebaut hat.
Wie auch immer, ich bin kein Experte und dieses Tropenhaus ist das älteste, das mir bisher untergekommen ist.
Unweit davon steht das Kelvin Denkmal. Kelvin, klar 2.Thermodynamisches Gesetz, grübel, grübel, absoluter Nullpunkt.
Kann mir jemand sagen, was mir der gute alte Lord da entgegenhält. Ein Quadrat mit 4 Ringen? Was hat er noch entdeckt?
Das war es dann auch für heute mit beschaulichem Sightseeing.
Das Ulster Museum beginnt mit der ersten Abteilung:
Das ist die offizielle Sprachregelung für das Morden, Bomben, Einsperren, Umbringen, Verurteilen, dass von 1968 an Nordirland heimgesucht hat.
Mich schüttelt es bei diesem Wort!!!
Wann wird man endlich begreifen, dass man mit Umbenennungen und Wortneuschöpfungen nichts an den Tatsachen ändert.
Aber "the Trouble" hat mich erwischt und lässt mich den ganzen Tag nicht mehr los.
Das Verrückte ist, dass ich 1971 und 1974/75 ja eine ganze Menge von dieser schrecklichen Zeit mitbekommen habe, - in dieser Zeit wollte die IRA den Konflikt nach England exportieren und eine gute Bekannte von mir hat in einem der Postämter gearbeitet, in dem eine Briefbombe explodiert ist. Es war glücklicherweise nicht ihre Schicht.
Ich habe ja bisher Busrundfahrten vermieden wie die Pest. Aber heute hat es sich gelohnt, denn sonst wäre ich - selbst mit dem Fahrrad nicht- in all die Viertel gekommen, in denen "the Trouble" noch heute Alltag ist. Nicht mehr in Form von offener Aggressionen, aber in Form von einer "Erinnerungskultur", die nicht unbedingt Wunden heilt, sondern eher weiterhin Ressentiments und Hass schürt.
Zuerst die Unitarier Viertel:
Natürlich große Vorbereitung für den 12.7.
Übrigens, habe ich heute auch erst erfahren, dass der Flughafen von Belfast nach Georg Best benannt ist. Für Menschen, die - unverständlicherweise - nicht fußballafin sind - Georg Best war das geniale enfant terrible des englischen Fußballs der sechziger und siebziger Jahre. Europas Fußballer des Jahres 1968 und für ManU, das was Maradona für Neapel war.
Wie sagt der Nordire: Maradona good; Pelé better; George Best!
Ähnlich wie Maradona, ist George Best eigentlich das absolute Anti-Vorbild gewesen, trotzdem begegnet man ihm in Belfast heute noch auf Tritt und Schritt:
„I spent a lot of money on booze, birds and fast cars – the rest I just squandered.“
Vielleicht liebt man ihn deshalb noch immer in Belfast, weil er halt "einer von uns ist".
Auf diesem Wege werde ich auch noch dieses Foto los. Hier, vor dem Nordirischen Parlament, das nicht zuletzt deshalb so gewaltig ausgefallen ist, weil es die Gemüter beruhigen sollte, aber nicht wirklich viel zu sagen hatte.
Also auf dem Weg hinauf zum Parlament haben über 100.000 Menschen an der Trauerfeier für Georg Best teilgenommen!!
Doch zurück zu "the Trouble":
Egal welche Seite - es geht immer nur auf das Recht zur "Selbstverteidigung".
"We seek nothing but the elementary right implanted in every man, the right if you are attacked to defend yourself".
- Und die Gegenseite sagt das gleiche!
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Natürlich gibt es auch die versönlichen Töne.
Aber ob in den protestantischen oder den Katholischen Vierteln überall wird der Toten gedacht, die für die "gerechte" Sache gestorben sind.
Mal durch Autobomben, mal durch Staatswillkür, mal im Gefängnis, mal im Hungerstreik, mal aus ungeklärten Umständen. Mal weil sie die Wahrheit geschrieben haben, mal weil sie als Staatsdiener hier hergeschickt wurden, um umgebracht zu werden.
Dutzende und Aberdutzende dieser Wandbilder durchziehen die "Problemviertel".
Was mich aber wirklich deprimiert hat, ist, dass diese Viertel, die in der heißen Phase, durch Zäune und Mauern, von ihren "feindlichen Nachbarn" geschützt wurden, heute immer noch eingezäunt sind. Die Häuser selbst sind dann oft noch einmal durch Gitter und Zäune "geschützt". Abends um 18:00 werden heute noch die Nebeneingänge geschlossen und man kommt nur durch kontrollierte Eingänge hinein.
Wenn ich es richtig verstanden habe, gibt es heute in Belfast noch 17 solcher "geschlossene Viertel" - und eine Umfrage im vergangenen Jahr hat ergeben, dass weit über 60% der Betroffenen es noch für "verfrüht" halten, diese "Mauern" einzureißen!!!
An einer solchen "Demarkationslinie" habe ich dann doch die Vorbereitungen für die "bonfire" fotografieren können, von denen ich vorgestern erzählt habe. Zwar sind sie nicht (noch nicht) mit Autoreifen gefüllt. Aber wenn das keine "Botschaft über den Zaun" ist, dann weiß ich auch nicht.
Dieser riesige Turm, mit der blauen Basis, das sind alles Europaletten, aufgestapelt um am 12.7. angezündet zu werden. Und auf der anderen Straßenseite beginnen die katholischen Viertel!
Heute habe ich wirklich Zweifel bekommen, ob ich in Europa und im 21. Jahrhundert bin!
Auch wenn alle, mit denen ich gesprochen habe, steif und fest behauptet haben, das sei nur noch Folklore und alle sei wirklich besser geworden, und in den letzten 19 Jahren habe sich so viel geändert. Aber 19 Jahre! Angesichts der vielen Toten und Ungerechtigkeiten!
Da kann man nur hoffen, dass das stimmt!
Trotzdem summe ich mit Bob Dylan vor mich hin:
"There must be some way out of here,
said the joker to the thief,
there´s too much confusion and I can get no relief..."
Und wie gesagt, sollte ihr Mal nach Belfast fahren, - ich glaube die Stadt lohnt sich trotz alledem, was ich gerade erzählt habe,
dann steigt nicht da ab, wo ich heute nächtige!
Morgen Abend geht es wieder auf die andere Insel!! Von hier nach Birkenhead, 8 Stunden auf der Fähre. Ich hoffe ich habe Wifi auf dem Schiff. Falls nicht, müsste ich einen Tag Pause einlegen, also wundert Euch nicht, falls es Morgen Abend noch nichts Neues zu lesen gibt.















