Freitag, 30. Juni 2017

24.Tag: Von Ballycastle to Randalstown


die Route


Was ist wohl das Lied des Tages, das wir alle gemeinsam am Ende dieses Tages singen werden?
Richtig: "The Irish Blessing":

"May the road rise to meet you,
May the wind be ever at your back..."

Ja heute hatte ich den Wind tatsächlich zu 95% im Rücken, und was für Winde. Da waren wieder Sturmböen dabei, - macht nichts, so lange sie dich den Berg hoch schieben.

May the sunshine warm upon your face,


Der Teil ist allerdings ausgefallen. Die Sonne hat sich heute nicht sehen lassen. Es war richtig "frisch" (und das ist ein Euphemismus).

Also Beinlinge und Softshell - aber keine Regenhose.

Albert und mir haben die beiden Ruhetage gut getan. Mir, denn ich habe wieder richtig Lust in die Pedale zu treten - und Albert hat sich heute wirklich ins Zeug gelegt, eine "einfache" Route herauszusuchen. Albert, das waren *****, angesichts einer sehr hügeligen Topographie.  Albert hat heute super schöne Wege gefunden.
Anfangs mal in den Hang hinein, aber dann wirklich schön oben auf den Hügeln entlang.


Die vorherrschenden Farben des Tages waren grün - und grau. Grün in allen Schattierungen, grau vor allem in grieselig, gräulich-grau.
Mit den obligatorischen weißen Flecken


Ich weiß nicht, was heute los war, aber die erste halbe Stunde der Etappe war ich von einem wilden Geblöke und mäh- e begleitet. Irgendetwas hat ihnen nicht gefallen.




Die Weiden wurden gelegentlich von wunderschönen "grünen Tunneln" abgelöst, wenn es durch kleine Wäldchen ging. - Und es ist immer noch Holunderblüte-Zeit!


Unglaublich, wie schnell die Zeit verfliegt,  Zeit für die 11:00 Uhr Banane. 

Nach etwa der Hälfte der Strecke wurde ich langsam misstrauisch. Ist es jetzt nicht langsam an der Zeit, dass das angenehme Radeln umschlägt - die Straße schlecht wird, die Windrichtung wechselt, Albert zu spinnen anfängt, der Regen, der eine Hügelkette weiter drüben recht heftig runter kommt, bis zu mir reicht...  nichts dergleichen. Albert verhält sich vorbildlich, es regnet nicht, Rückenwind bleibt Rückenwind.
Zum ersten Mal seit vielen Tagen kommt der Flow. Ich radle vor mich hin. 
Und als es Zeit für einen Kaffee ist, kommt ein Dorf. Bös aufgeflaggt. Haben die ein Festival? Was sind das für Fahnen? Noch denke ich mir nichts dabei. Der Kaffee im Stehen im Eingangsbereich des Supermarktes ist zwar grenzwertig, aber immerhin kann ich mir die Fingerspitzen daran aufwärmen, die langsam taub zu werden drohten. 
Und weiter geht es.
Entspannt bis Ballymena. Der Ort ist mal ein Straßendorf gewesen und eine Blechlawine schleicht im Stopp und Go durch die Hauptstraße. Laden an Laden, langweilig,- bis auf die Dekoration! Wieder Fahnen! Und dann:


So langsam komme ich in "Northern Ireland" an. In Ballycastle war ich noch nicht angekommen. Alles war friedlich, entspannt.
Hier fange ich an zu begreifen, das Alles eine Bedeutung hat. Natürlich bedeutet es etwas, welche Fahnen am Straßenrand wehen. "Flagge zeigen"!

  

Machen sie das immer? - Oder steht irgendein Feiertag, ein Datum an? Muss ich nachschauen, wenn ich im Hotel bin.

Nach Ballymena wird es wieder einsam, die Dörfer haben keine Fahnen mehr am Straßenrand.
Dafür wird mir ein Schauspiel der besonderen Art geboten. Ich bin begeistert.


Kühe auf der Straße? Sind die abgehauen? Scheint nicht so. Der Herr im grauen Hausmeisterkittel scheint zu wissen was er tut. 
Sein "Hütehund" nicht so ganz. Er ist wohl eher gewöhnt, Schafe auf einer Wiese zusammen zu halten.
Mal jagt er die Kühe auf die eine Seite der Straße, mal auf die andere.


Bis ihm sein Herrchen, der "Hausmeister" befiehlt "Sitz!"



Inzwischen hat sich auf beiden Seiten ein kleiner Stau gebildet. 2 oben 3 Autos in meine Richtung. Es wir jetzt auch erkennbar, dass der Chef seine Herde irgendwo hin treiben will. Auf einmal sitzt er in einem Toyota Pajero und hält eine Rute aus dem Seitenfenster, mal klappt es, dann brechen die Kühe wieder aus. Der Hund hält sich jetzt raus. Wenn die Kühe umdrehen wollen, muss auch der Cowboy mit seinem Pajero umdrehen, dann 


"hilft" ein Lastwagen mit, indem er die Straße blockiert. Ich kriege mich fast nicht mehr ein.

Nach und nach gehen die Kühe wohl in die Richtung die sie sollen.
Irgendwann sind sie tatsächlich auf ihrer neuen Weide.
Ich unterhalte mich ein wenig mit dem irischen Gaucho. Er ist völlig entspannt. Das macht er wohl häufiger so. "A horse would be nice to bring the cattle home!" Schlage ich ihm von Cowboy zu Cowboy vor. Da lacht er und nickt. Ich tippe mit dem Finger an den Rand meines Plastik-Stetsons und reite die Straße hinunter.
Nach einer weiterhin entspannten Rückenwindabfahrt komme ich in Randelstown an.


Immer auf ganz kleinen Sträßchen - Albert? Ich kenne dich gar nicht wieder!

Randelstown hat drei größere Sehenwürdigkeiten.



Das sind zwei von dreien. Die dritte Sehenswürdigkeit ist keine wirkliche. Eine Angeberei von einem Industriellen des 19. Jahrhunderts, der gerne in einer Zeit gelebt hätte, in der er die Luft nicht mit seiner Fabrik verpestete.


Die anderen Sehenswürdigkeiten, sind viele kleine unglaublich pittoreske Bars und Kneipen.



In letzerer, im Black Bull Inn werde ich heute nächtigen. Und das hätte beinahe zur Folge gehabt, dass Ihr diesen Blog nicht zu lesen bekommt, da das Internet auf dem Zimmer nicht reicht und im Schankraum keine Chance ist zu schreiben. Das heißt, ich habe es schon versucht, aber die Iren halten das einfach nicht aus, das jemand in der Ecke sitzt und auf einen kleinen schwarzen Kasten einhämmert. Schwarz hat oben eine weiße Krone zu haben und in einem Glas serviert zu werden.
Ich hatte - so far - einen wirklich netten Abend mit den üblichen locals!
Ich bekam 1, Guiness spendiert, musste eins zahlen, und habe mich dann auf mein Zimmer verabschiedet - Radler sind eben müde!
Doch so geht es ja nicht! Guiness hin Guiness her, Iren hin Iren her! Der Blog muss raus.


Also schleiche ich noch einmal runter. In den Nebenraum der Bar und schreibe weiter. Ich hoffe stark, dass ich nicht so schnell hier entdeckt werde, denn in der Bar steigt der Alkoholpegel und die Stimmung - und alle fanden Momförd, Monfräd und den anderen sehr nett.

Doch ich muss Euch doch unbedingt noch berichten, was ich im Schwarzen Bullen in Erfahrung gebracht habe!

Über Politik zu reden, ist in Nordirland nicht einfach. Ich habe mich dumm gestellt, und zuerst gefragt, warum Ballymena so wild beflaggt ist und hier nicht.
OH, wenn du Morgen hier wärst, dann würdest du schon sehen. Eigentlich flaggt man erst ab Morgen.
Und dann geht es hier auch los!
Also, so weit ich meinen Nachbarn verstanden habe - zur Sicherheit habe ich aber schnell auch noch gegoogelt, - steht am 12.07. ein wichtiger Nordirischer Feiertag an, der Jahrestag der Schlacht von Boyne, 1690, in der Wilhelm von Oranien, Jakob II. besiegt hat und die Rebellion der Iren gegen England beendet hat,- auch Orangemen´s Day genannt.
Über 300 Jahre später ist das immer noch ein Tag, an dem die Protestanten mit Genuss und allen Mitteln, die Katholische Mehrheit provozieren, indem sie die englischen Symbole hissen, Luther zitieren und einen auf dicken Max machen.
James, mein neuer Irischer Freund hat mir etwas erzählt und im Nachhinein ärgere ich mich tierisch, dass ich kein Foto gemacht habe. Auf dem Weg ist mir nämlich etwas aufgefallen. Am Wegesrand habe ich irgendwo einen riesigen Haufen Paletten gesehen,  die zu einem wirklich beeindruckenden Turm aufgebaut worden sind , oben schauten Reifen heraus. Ich habe mich noch gefragt, für Johannisfeier sind sie doch ein bisschen spät dran?  - und dann auch noch Autoreifen verbrennen? Wenn man die Zusammenhänge nicht kennt, ist es nur ein Haufen Paletten.

James hat mir erklärt, dass dies schon die Vorbereitungen für den 12. Juli sind, und dass die Protestanten gewaltige Bonfire anzünden. Ich frage ihn, warum Autoreifen, er sagt, das sei seit Jahren veboten, aber es wird trotzdem gemacht. Die Feuer brennen länger, machen mehr Qual und provozieren. 
Als sein Freund zurück kommt, wechselt er das Thema, als der Freund zum Rauchen geht, erklärt er mir, dass er Katholik sei, sein Freund Protestant, dass sie über solche "Sachen" nicht reden. Sie saufen zusammen, sie gehen zusammen  zum Angeln, kennen sich schon ewig - wir haben festgestellt, dass wir alle drei Jahrgang 1949 sind, was einen weiteren kräftigten Schluck wert war, - Politik aber ist tabu.
 Jetzt bin ich wirklich in Northern Ireland angekommen!
Natürlich sind die Katholiken in Irland jahrhundertelang gedemütigt worden. Aber als ich heute die Zeitung  den "Independent" aufschlage, fällt es mir, der ich schon immer ein jüdischer  Zigeuner-Indianer mit Flüchtlingswurzeln war, doch sehr schwer, mich mit den Katholiken zu solidarisieren.
Habe ich vor kurzem im Guardian Friedrich Engels zitiert gefunden, so bin ich heute bass erstaunt, über Bismarcks Kulturkampf aufgeklärt zu werden. Der Kommentator des besagten Blattes erklärt seiner katholischen Leserschaft ausführlich, dass da schon einmal einer im Herzen des Kontinents einen Feldzug gegen die Katholiken geführt habe, dass dieser  katholische Schulen geschlossen habe, und eine Schmutzkampagne gegen pädophile Priester führte - mit der Schlussfolgerung, dass es sooo schlimm ja gegenwärtig in Nordirland nicht sei, aber dass man in den 4 Jahren seiner Präsidentschaft von Herrn Higgings noch kein gutes Wort über die Katholiken gehört habe.
Es ist ein sozialer und kein Religionskrieg, ich weiß.
Aber der verdammte Religionsmüll steckt halt doch in den Köpfen der Leute.
Und wenn man die Diskussion verfolgt, ob man Frauen nicht doch unterstützen soll, die nach England fahren müssen, um in medizinisch indizierten Fällen abzutreiben, dann streuben sich einem einfach die Nackenhaare.
Nämlicher Kommentator des "Independent" entblödet sich nach dem Abschnitt über die Abtreibung, nicht auch noch darauf hinzuweisen, dass aus gleichgeschlechtlichen Beziehungen keine "offsprings" zu erwarten seien, und dass man deshalb keinen "Segen" geben könne.
Meinegüte! Was für ein Plumquatsch! 
Aber James und sein protestantischer Freund sind wirklich nett. Wenn ich den Freund nur verstehen würde. Irischer Dialekt, besoffen und die Zähne zu Hause vergessen, das ist einfach ein Handicap zu viel.
Jetzt noch die "senden" Taste treffen !
Bis Morgen denn!


  






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