Mittwoch, 14. Juni 2017

8.Tag: Von Bridlington nach Whitby




(manne)Mannomann! Wasn Tag! So viele unterschiedliche Eindrücke, so viele ups and downs, im wörtlichen, wie im übertragenen Sinne. 
Und unterm Strich, eine der schönsten Tagesetappen, die ich auf allen bisherigen Reisen gefahren bin. Vergleichbar mit der "Eisernen Pforte", einigen Abschnitten auf der Loire oder der Fahrt zwischen Atzwiller und Straßburg.

Eine wichtige Erkenntnis des heutigen Tages war, dass man auch zu viel Informationen haben kann.
Informationen, die mich die letzten Tage etwas beunruhigt haben. Nach Albert, dem Teasi, sollte der heutige Tag ziemlich hügelig werden. Und zwar 4 mal richtig ordentlich rauf. 




das waren die letzten 2. Und das auf insgesamt über 70 km. Das kann schon in die Beine gehen.

Dementsprechend angespannt war ich auch.
Das hätte beinahe zu einem ernsthaften Ehezerwürfnis geführt, - und das nachdem wir erst seit 14 Tagen neu "beringt" sind.


Aber von Anfang an. 
Bridlington hat ein berühmtes Kloster. Vor allem wegen eines St. John, der ziemlich ordentlich Wunder gewirkt haben muss.



Danach kamen ziemlich schnell die Hügel. Und zwar hoch, etwas runter, wieder hoch und zwar kräftig und das auf einer gut befahrenen Straße, nicht übertrieben, keine Lastwagen, aber doch nervig.
Dabei war die gefährlichste Situation mit einem Rennradfahrer. Albert sagte, wir sollen rechts abbiegen, da kommt der Kerl so etwas von schnell angeschossen, ich kann gerade noch einen Schrei los lassen, Friederike bleibt in der Spur, der Radfahrer schießt an uns vorbei. Das hätte schief gehen können.

Dann die 450 km. Das könnte Friederikes Halbzeit sein!! Schade, zu zweit macht es inzwischen doch viel mehr Spaß.

Auch wenn es mal zu Spannungen kommen kann. Denn! Die Straße wendet sich wieder dem Meer zu  und Friederike fängt zu maunzen und zu nöhlen an. Meer ! Baden! Meer!
Sie hätte am Liebsten ein Schlenker von 6 km in Kauf genommen, um an eine Stelle zu fahren, an der höchstwahrscheinlich kein Weg runter von den Klippen zum Meer führte. 
Dicke Luft! Dann auch noch eine grüne Straße! Und kein Dorfladen, um ein Sandwich zu kaufen!
Ich - die Vernunft in Person, habe auch nichts gegen Tankstellen mit Supermarkt. Das war für Friederike der Gipfel. Lieber wäre sie mit dem kalten Getränk  und dem Sandwich so lange weiter gefahren, bis alles warm gewesen wäre.


Dann weiter bis Scarborough . Einstens ein wirklich mondäner Badeort, mit tollen Stränden.


Friederike will immer noch Baden!
Und ich bleibe oben in einem Cafe, beobachte ihr Treiben aus der Ferne - und bin leicht angesäuert.


Ich trinke einen großen Pot Kaffee und ergebe mich in mein Schicksal!
Dass aber von da an, zwischen Scarborough und Whitby, einer der schönsten Radwege beginnt, den ich je gefahren bin, das hätte ich nicht erwartet. Und vor allem, dass meine Befürchtungen, was das Streckenprofil betrifft hinfällig werden! Schließlich war es schon 14:30 als wir aus Scarborough rausfuhren. Und die beiden großen Hügel standen noch an. Und was kommt dann?

Auf einer alten Bahntrasse, die einstmals Scarborough mit Whitby verbunden hat geht es aufwärts, 
da alte Bahnstrecken nicht so steil aufwärts gehen können, wie Straßen, bei 4,5 % hört es auf. Wir fahren richtig "gemütlich" Kilometer um Kilometer bergaufwärts, - 15 km lang. 
Doch davon soll Friederike erzählen:

(frieda): Ja, es war eine traumhafte Stecke, etwa 30 km, mit unglaublich schönen Ausblicken. 
Und ja, ich habe gebadet- das Meer war herrlich!!!!!- und der Reiseleiter war absolut dagegen. Von wegen leicht angesäuert! Er hat gedroht, dass wir heute nicht mehr ankommen,( also vielleicht auch überhaupt nie mehr!) dass wir die Strecke nicht schaffen, dass ich Stunden brauche, bis ich vom Strand wieder oben bin, ... das Blöde war ja, dass wir aus großer Höhe ziemlich weit runterfahren mussten um in die Nähe des Strandes zu kommen.
Und dann kam alles ja ganz anders, die weitere Strecke war super leicht zu fahren. Und ich war erfrischt und gut gelaunt. Und auch mein Reiseleiter hat sich allmählich wieder entspannt.

Hier sind wir auf der höchsten Höhe, 192 m, und fast bei 500 km Gesamtstrecke (es fehlen drei!)



Warum Mitte des 19 Jahrhunderts diese Eisenbahnstrecke gebaut wurde, haben wir nicht erfahren, aber es war sicher ein schöner Ausflug von Scarborough nach Whitby und für uns ein traumhafter Tag:














Und am Ende dieser schönen Tour hat Manne plötzlich gemerkt, dass das Hinterrad platt ist. Die letzten zwei km musste er schiebe. Morgen heißt es also erstmal Rad reparieren - lassen.














Dienstag, 13. Juni 2017

7.Tag: von Barton upon Humber nach Bridlington


(frieda) Juhu wir sind am Meer, und ich habe gebadet, das heißt dreimal ganz schnell rein, ein paar Schwimmzüge gemacht und wieder raus.


Aber es war toll! Geschätzt 17 bis 18 Grad und draußen warm genug um wieder aufzutauen.
Wir sind gegen 16 Uhr am Meer in Bridlington angekommen, nach 79 km.
Eigentlich hätten es so 65 km sein sollen, aber wir haben uns mal wieder völlig verfahren und sind eine ganze Stunde um Hull herumgefahren.
Daran schuld ist natürlich Albert, unser Navi (ja die Müller-Nachkommen haben das Rätsel natürlich sofort gelöst!) und schuld bin auch ich. Albert wollte uns die Bikeroute 65 leiten, ich wollte gerne mal die berühmte Route 1 ausprobieren und beide führen nach Bridlington. Und dann sind wir dem netten Mann mit dem Hollandrad begegnet und er hat uns die 1 empfohlen und ist sogar noch ein Stückchen mitgefahren. Und alles war super ausgeschildert. Das Navi war beleidigt und ich war ganz stolz, dass ich auch mal eine Route finde. Aber dann haben wir die 1 verloren und eine Route 66 war plötzlich da und ohne zu wissen, wohin die führt sind wir dieser Route gefolgt. Das Navi war auch wieder dabei aber Albert stand immer auf dem Kopf und hatte plötzlich Süden oben. Wir haben auch mal gefragt, aber die Leute hatten keine Ahnung und haben uns zurückgeschickt. Ein alter Mann, der ein bisschen an seiner Hecke herumgeschnippelt hat und auffällig nach Alkohol roch, hat sich viel Zeit genommen, aber auch er wollte uns zurückschicken. Pffff.
Bis wir dann einer netten Radfamilie begegnet sind, die auf der Route 66 unterwegs waren und uns glaubhaft versicherten, dass wir in die falsche Richtung fahren. Und die 66 führt quer durchs Land von der Nordseeküste nach Manchester.
Hier der bittere Moment der Erkenntnis, ein Park in Hull, das wir vor einer Stunde verlassen hatten:


Als wir dann ein paar Minuten in die richtige Richtung gefahren sind, kamen wir exakt an der Stelle vorbei, wo der nette Hollandradfahrer uns aufgelauert hatte. 
Die Navistrecke war traumhaft schön, auf wirklich kleinen Pfaden, entlang einer alten Eisenbahnlinie, duftender Hollunder, Heckenrosen, Mohnfelder,  da hat Albert sich echt angestrengt. 


 Und kein Mensch unterwegs, das ist wirklich erstaunlich.

Bridlington ist ein altes Seebad, das seine beste Zeit  schon lange hinter sich hat. Der Strand ist wirklich schön, aber das Städtchen selber echt heruntergekommen.


Aber egal: ich hab in der Nordsee gebadet!!! Am siebten Tag unserer Radreise endlich Wasser!


Jetzt bin ich dran:


(manne) Tja, solche Tage gibt es! Hull wird uns lange in Erinnerung bleiben. Schon der Morgen war kompliziert. Friederike hatte nicht wirklich Lust aufzustehen. Dann kleinere technische Probleme.




Doch dann ging es auf die Brücke über den Humber. Beeindruckend.



Friederike hat es schon erzählt, ich kann nur wiederholen. Vorsicht vor netten Engländern auf Hollandrädern. Meidet sie auf alle Fälle.

Die Fahrradstrecke  auf der alten Bahnroute zwischen Hull und Hornsea ist wirklich ein Erlebnis. Und ab und zu erkennt man sogar noch Spuren.


Hier ein Bahnsteig, da


ein  alte Bahnhof.
Auch nach der Bahnstrecke, hinter Hornsea,  eine wunderschöne Strecke, oben auf den Klippen, aber ohne wirklich das Meer zu sehen.

Doch  Friederike wird langsam nervös.
Und dann auch noch das Ende der Idylle! Die letzten 8 km müssen wir auf eine "grüne" Straße - viel Verkehr, ungeduldige Fahrer, die nicht immer genügend Abstand halten, das ist schon nervig und anstrengend.
Aber wir sind gut in Bridlington angekommen, und müssen feststellen, dass unsere Englischkenntnisse langsam an ihre Grenzen stoßen. No question, wir sind in Yorkshire.
Vielleicht sollte man für die Yorkshire-Menschen ein eigenes Alphabet erfinden, denn, 

riälläi - kann man wirklich nicht mit  "really" in Verbindung bringen. Den Fischern im Hafen von Bridlington musste ich schon sehr genau zuhören, um überhaupt zu verstehen, wovon sie sprachen.
Und dieser eigenwillige Dialekt entspricht auch nicht mehr ganz den Ausführungen meines Reiseleiters  Sebastian Münster:

"..Haben ein gebrochene Sprach/ und lispeln mit der Zungen/ das ist ziemlich Weibisch/ und haben klägliche oder weinende geberden/ sie haben gemeinlich die Natur/ daß was man under ihnen verleurt/ man nicht mehr verhoffen darff widerumb zu findt.."

Na ja, zum Teil vielleicht.

Aber wenn es mit den Dialekten so weiter geht wie heute in Bridlington, dann werden wir noch leichte Kommunikationsprobleme bekommen. Dabei dachte ich immer ich würde die Norddialekte ganz gut verstehen. Wir werden sehen.

Bridlington selbst, ist eher deprimierend, trotz der schönen Lage und des schönen Meeres. 
Für weniger Geld bekommt man heute einfach wärmeres Wasser und  ein angenehmeres Klima geboten. Und, das sehen wir auf unserer Strecke wirklich täglich überdeutlich, die ehemals "werktätige Bevölkerung", der untere Mittelstand ist in England am Rande des Existenzminimus, da reicht es kaum noch für Urlaub im Lande. Bleiben die Alten. 
Und denen reicht Bingo und billig Bier, die brauchen keine Vergnügungsmeile am Meer:



Die Flaniermeile wirkte ziemlich trostlos. Aber vielleicht brummt in der der Hauptsaison ja der Bär. Würden wir den Bridlingtonern wünschen. Aber dann müssen wir auch nicht dabei sein.


Also ziehen wir uns schön "Fish und Chips" mit schön viel Malt Vinegar rein, dazu ein gutes lauwarmes Ale und gehen zurück  auf unser Zimmer, in einer Straße die typischer "English Seaside Resort" nicht sein kann,


-  ein Bed & Breakfast am anderen - und genießen den Sonnenuntergang vom Fenster aus


 Und das Fußballspiel Frankreich gegen England!


Montag, 12. Juni 2017

6.Tag von Lincoln nach Barton upon Humber


jetzt ist die Karte für alle frei, sorry!


(manne) Über den Dächern von Lincoln 7:00. Heftiger Wind lässt die Fenster klappern. Regen peitscht gegen die Scheiben. Ich schrecke hoch. Die heute Strecke nach Barton upon Humber ist heute etwas länger, und langsam kommen wir aus den Marschen raus. Gegen den Humber hin, wird es richtig hügelig. Friederike schläft noch selig, milde Formen der Panik ergreifen mich. Wenn es heute den ganzen Tag so regnet, windet und kalt ist, sinkt unsere Motivation vielleicht drastisch ab.
Ich denke über einen Plan B nach, mache das Notebook an und schaue nach, wie die Zuglinien in der nähe unserer Strecke verlaufen - nur so "für alle Fälle". 
Doch dann, nach dem Frühstück - dieses Mal eher bescheiden und in Eigenregie (Buffet wäre ein Euphemismus) hat der Regen aufgehört, der Wind ist erträglich und die Stimmung steigt.
Am Frühstückstisch haben wir uns nett mit einer Australierin, - in unserem Alter - unterhalten, die hier in Lincoln ein Seminar über Lehmhäuser und ihre Bauweise besuchen wird. Sie hat vor sich in der Nähe von Sidney auch ein Lehmhaus zu bauen, mit dem Lehm der auf ihrem Grundstück ist. 

Ehe ich zur Fahrt komme, muss heute unsere neueste Errungenschaft, das Teasi (Radnavi) etwas näher vorgestellt werden. Friederike wird in ihrem Beitrag noch etwas näher auf es eingehen. Für den Beginn des heutigen Tages ist es erst einmal wichtig zu wissen, dass ich jeden Morgen die schwerwiegende Entscheidung treffen muss, soll ich die Strecke wählen, das Teasi vorschlägt, oder soll ich "einfach" wählen, oder "kurz".
Erst nach fast einer Woche beginne ich zu begreifen, wie das Teasi tickt. "Auswahl" meint wahrscheinlich, dass es sich an offiziellen Radrouten orientiert. "Einfach" macht einen Mix aus keine Umwege, aber auch nicht über alle Berge, und "kurz" meint, "kurz", egal ob das Höhenprofil einer Achterbahn gleicht oder ob man auf Autobahnzubringerstraßen von LKWs durch die Landschaft geschoben wird.
Heute war, "Auswahl" 10 km länger, als "einfach". "Kurz" habe ich schon abgehakt, diese Strecken nerven.
Aber "einfach" hatten wir noch nicht versucht. Heute Abend wissen wir, dass "einfach" aber auch bedeutet, dass von offiziellen Radwegen, wie unserem Nordseeradwanderweg 1 abgewichen wird.
Die ersten Stunden waren genial. Hauptsächlich deshalb, weil wir - nach Norden fahrend- wieder kräftig Rückenwind hatten, bzw. schräg von hinten. Die Landschaft von kleinen Orten und Landwirtschaft geprägt. 
Unglaublich wie fruchtbar dieses Land ist. Aber das wusste ja schon der gute Sebastian Münster:

 "Die Insuln so umb Engeland und Irland herumb ligen/..Haben weder Holz noch Wald/sind fruchtbar an Gersten: Korn wii Weitzen  aber ist nicht gemein. In allen diesen Inseln findet man keine Schlangen/ oderdergleichen vergifftige Thier und ungezieffer. Haben gute Weiden und nehren viel Vieh. Haben viel Hasen, Cunill/Kranich/und Schwanen. Seind auch allenthalben mit gutem Fischfang versehen.." Das Land ist uber alle massen fruchtbar/ bringt allerey gattung Früchte von Getraid und Bäumen.. Manglen allein der Pomerantzen/Granat und Oelbäumen hat Lrbeer und Rosmarin/ daß man di Gärten mit umbzaunet. Hat ein mercklichen uberfluß an schönsten Blumwerck/ und bringt uber alle massen gute Kuchenkräuter. Das Land zu Berg und Thal ist Graßreich und voll der besten Weiden/darumb sie auch allerley Vieh treffentlich versehe. Die Pferd seind schön un bering/schnell zum lauffen/gemeintlich die besten Zelter: etliche seind uber alle massen arbeitsam/ die Schaaffe tragen sehr reine Wollen/kompt so wohl vom Lufft/ alß von der Weid her. 


Dass England die witzigsten Ortsnamen hat, das wusste ich ja schon von Bill Brysons geniale Beschreibung "Notes from a small Island". Aber heute haben wir eine besonders bunte Mischung passiert: Holten cum Beckering, Buslingthorpe, Holton le Moor, Cold Hanworth, Thorpe le Fallows, Hackthorne....
Und dann natürlich ein ~by nach dem andern: Owersby, Fulnetby, Osgodby, Usselby, Firsby und bestimmt noch 2 Dutzend andere ~bys.

Der Tag fliegt vorbei, wie wir mit Rückenwind durch die Dörfer.
Na ja, nicht immer "flogen" wir, bisweilen schoben wir auch


Eine "Abkürzung" die nicht zu befahren war. Am Ende der Straße war dann noch ein Gitter, um das wir nur über die Wiese herum kamen.

Manchmal rächt es sich eben, wenn man es sich "einfach" macht. Die "einfache" Route endet bei Brigg dann noch auf einer ziemlich befahrenen Straße, die zwar eine Art Radweg an der Seite hatte, - der aber nicht wirklich zu befahren war, da die Äste fast über den ganzen Weg reichten.
Da mussten wir durch.Nach dem Pseudoradweg hörte ich ein leises aber regelmäßiges Knacken, das das ich nicht verorten konnte. Hab es dann einfach ignoriert.

 Bei Melton Ross sind wir wieder auf die Strecke des Nordseeradweges gestoßen.


Das war eine ziemliche Erleichterung, auch wenn die letzten 12 km zur Berg-und Talfahrt wurde.
In Barton upon Humber angekommen, keine 500m von unserer heutigen Unterkunft entfernt, - ein Platten!
Auf dem Horrorradweg hat sich ein Dorn oder Ast von der Seite in meine "unkaputtbaren" Reifen gebohrt. Da kann auch ein Schwalbe Marathon nicht gegen an, denn verstärkt ist natürlich in erster Linie die Lauffläche. Also hoch zum Bed & Breakfast geschoben, abgeladen. Da ich nicht so scharf auf Reparatur war, bin ich wieder in den Ort zum Radladen, den die Dame der Pension mir beschrieben hat. Ich komme 15:50 dort an. Der Laden hat zu. Öffnungszeiten von 8:00-16:00 !!
Nein, ich werde dazu keinen Kommentar abgeben!
Also zurück zur Pension und selbst reparieren. Ich habe noch einen Schlauch im Gepäck.


Ging eigentlich ziemlich schnell. Trotzdem werden wir Morgen früh noch im Radladen vorbeischauen, damit die überprüfen, ob ich alles richtig gemacht habe - und natürlich einen neuen Schlauch kaufen.

(frieda)  "You're still living!" rief uns ein junger kraftstrotzender Kerl entgegen und streckte grinsend den Daumen in die Höhe. Wir sind uns auf der Landstraße begegnet, er zu Fuß, gutgelaunt, es war später Vormittag. Zuerst das "Morning" dann "You're fine?" und als Manne im vorbeifahren "thank you" zurückrief kam seine Antwort "You're still living !" Tolle alte Leute muss er gedacht haben, dass die sowas in ihrem Alter noch wagen, mensch auch solche Alte gibt es!  
Das war eine lustige Begegnung.
Und im Dorfladen (und Post)- den es übrigens in fast allen kleinen Dörfern gibt- wo wir uns ein Vesper gekauft haben, hat der Besitzer sich nach unserer Reise erkundigt und dann kopfschüttelnd gesagt: "Aber Leute, dafür haben sie doch das Auto erfunden" und lachend auf seinen dicken Bauch geklopft.
Ja, der Tag war anstrengend und sehr sehr windig und außerdem meistens auf  vielbefahrenen Straßen. Aber wenn ich gewusst hätte, dass sich der Manne schon so früh am morgen Sorgen gemacht hat, dann hätte ich gar nicht gemeckert. Ich finde ja auch, dass das Navi manchmal nervt. Vor allem wenn der Manne beim losfahren immer erstmal eine zeitlang im Kreis herumfahren muss bis die Richtung klar ist.
Es ist eine Haßliebe zwischen den beiden, und inzwischen hat das Ding sogar einen Namen, der fängt mit A an. Er (Klar ist es ein Er) ist sehr bemüht uns den richtigen Weg zu weisen, wir brauchen ihn, er weiß sehr viel und will das auch gerne weitergeben und er mag es gar nicht, wenn man seinem Ratschlag nicht folgt. Dann ist er eine beleidigte Leberwurst. M. und W. aus G. können vielleicht erraten wie er heißt?

Mittagspause vor dem Bioladen:


...und Kaffepause mit superleckeren Walnut Scones im Gartenbauzentrum (so was wie die ZG)
Sie hatten auch schöne Geranien:


Wir haben heute ein Bed & Breakfast mit eigenem Bad, das ist schon sehr angenehm. Dafür ist die Wirtin ungewohnt schweigsam und die Einführung in die Besonderheiten des Zimmers waren überaus kurz. In den anderen B&B wurde uns jeder Schalter, jede Schublade, die Schlüssel, der Türcode, die Fernbedienung vom Fernseher und vor allem das Breakfast des kommenden Tages erklärt. Das dauerte gerne auch mal eine Viertelstunde und war immer von vielen "love", "sweethart", "darling" begleitet. Und was anfangs befremdlich war, vermissen wir heute schon. Dafür hat uns der Inder, bei dem wir zum Abendessen waren, heute zur Begrüßung und zum Abschied die Hand gegeben. Huch, das sind wir ja auch nicht mehr gewöhnt.


Dann bis morgen, hoffentlich bläst es die Wolken nun endgültig mal weg!




Sonntag, 11. Juni 2017

5.Tag: Von Boston nach Lincoln


(friederike)Ein sehr windiger und sonniger Tag, die Wolken sind nur so über den Himmel geschoben worden und unsere Hamburger Freunde haben eben berichtet, dass das schlechte Wetter bei ihnen gelandet ist. Sorry. Wir wurden verschont, haben Sonnenbrand und müde Beine, weil der Wind die letzten 15-20 km von vorne kam. 
Aber wir hatten genügend Kalorien/Energie intus, denn der Tag begann mit "real breakfast ". Manne bestellte alles außer grilled tomatoes und beans- also Würstchen, Bacon, Eier, Pilze-  Und ich hab notgedrungen Rührei und Toast bestellt. Aber Toast gehört immer dazu "love" lächelte die Frau und brachte mir drei Eier. Drei! Wahrscheinlich habe ich ihr leid getan.
Und dabei hatte ich noch mit dem "richtig englischen" Abendessen von gestern zu tun: 

Das war Pastete mit Fleisch drin, Kartoffeln, "Gemüse" und über allem diese braune Soße "Gravey", die der Manne aus reinen Nostalgiegründen auch noch heftig verteidigt hat.
Tut mir leid, aber dieses Foto musste sein, man will ja nichts beschönigen.
Heute Abend waren wir Spaghetti essen, das war sehr sehr lecker!

Und so schön sah es heute aus:


Wir sind die ganze Zeit den Radweg 1 gefahren, sehr lange entlang von einem Fluss bzw. Kanal und die meiste Zeit auf einem guten Teerweg. Und wieder war kaum ein Mensch unterwegs, obwohl Sonntag war. Und gutes Wetter! Da hätte man doch Familien mit Kindern, Freizeitsradlern, Ausflüglern begegnen sollen, aber was immer die Engländer an einem schönen Sommersonntag machen, Radfahren gehört offensichtlich nicht dazu.
Aber wenn jemand entgegen kommt, wird immer sehr freundlich gegrüßt, man wünscht sich gute Weiterfahrt, winkt und die Hundebesitzer sorgen dafür, dass der Hund nicht vors Fahrrad läuft. Sehr nette Leute!

Und dann kamen wir in Lincoln an, nach echtem Kampf gegen den Wind von vorne und mussten unsere Fahrräder den steilen Burgberg hochschieben. Der einzige Hügel weit und breit in diesem flachen Land.




Aber es ist ein wunderbares Bed & Breakfast- mit Frühstücksbuffet!!! und Obst!- und mit Blick über die ganze Stadt.  

Und jetzt ich:

(manne)Das "Kings´s Arms" war ein richtiges englisches Pub, mit lecker Lincolnshire Bieren (genau 2 von 10), klar dass es da heute Morgen "richtiges" englisches Frühstück gab! - Aber bei aller Liebe zum Ausgefallenen. Jeden Tag könnte ich so nicht starten!
Der "Water Railway" ist wirklich ein ganz besonders schöner Abschnitt des Nordseeradweges Nr. 1. Sehr angenehm zu fahren - wenn nicht aus der falschen Richtung bläst - was er heute extrem heftig tat, viele lehrreiche Tafeln, schöne Rastplätze. Es hat den Anschein, dass sich England doch langsam zu einer Radfahrnation entwickelt,  auch wenn es in der Breite noch nicht angekommen ist. 
Die Lincolnshire Fens sind durchzogen von Entwässerungskanälen, ohne die Landwirtschaft in dieser Gegend nicht möglich gewesen wäre. 


 Die ultraschmalen Hausboote sehen auf den eher breiten Kanälen irgendwie  fehl am Platz aus. Ist aber sicher sehr reizvoll hier rumzutuckern.

Auf dem ersten Drittel der Strecke waren wir längere Zeit wunderbar von Hecken und Bäumen ge- schützt. 

Etwa 15 km vor Lincoln führte der Weg ein Stück weit auf der alten "potato railways" - Trasse.
In Bardney entdeckten wir dieses wunderbar schrullige Cafe, Bed & Breakfast, "heritage centre"
Der alte Bahnhof ist jetzt Café und 2 alte Waggons sind als Zimmer umgebaut worden. Richtig nett.
Dahinter muss ein "Sammler" stecken, der mit seinen Schätzen nicht mehr wusste wohin damit.
Ein heiße Mischung aus Industriegeschichte, Militaria (in der Gegen spielt wohl die RAF eine größere Rolle) - und einer Dokumentation des "legendären" Lincoln Great-Western-Festival von 1972.
Als ich die Bilder sah, - ich war im Spätsommer diesen Jahres nach London gekommen, um als Assitsant Teacher im St.Mary´s Technical College zu arbeiten - kamen von ganz weit her die Erinnerungen, dass ich die "Nachbeben" dieses Großereignisses noch mitbekommen habe. Und in den Schallplatten, die ich damals mitbrachte, findet sich ein ziemlich genauer Querschnitt dieses Festivals.



Alle Welt schwärmte noch von dem Ereignis, - das letztendlich wie Woodstock im Wolkenbruch endete. Auf dem Plakat sind nicht annähernd alle Gruppen aufgeführt.
Da waren auch noch Alexis Korner, Genesis, Status Quo, Roxy Music, Incredible String Band, Lindisfarne, Wishbone Ash, Humble Pie, The Faces, Joe Cocker und und und...

Sowohl die Betreiber der Eisenbahnstation, wie auch deren Gäste wirkten allesamt wie von einem Festival-Klassentreffen übrig geblieben (uns natürlich eingeschlossen) Im Gästebuch zeigte uns der Wirt einen Eintrag aus der letzten Woche. Ein Ehepaar aus Kanada,das sich auf dem Festival kennengelernt hatten, und zum 45. Jahrestag nach Bardney gekommen waren um zu feiern.

Ach ja, zur "potato railway": Das war eine Schmalspurbahn, die wirklich hauptsächlich gebaut wurde, um die Kartoffeln zu transportieren, die einer der ersten Englischen Kartoffelchipsbarone für seine  "Smith´s Potato Crisps" gebraucht hat.
Von der ehemaligen Trasse ist allerdings kaum noch was zu erkennen.

Schon von weiten haben wir die Kathedrale von Lincoln in der Ferne erkennen können. Fast wie eine Fata Morgana, unwirklich wie Avalon, völlig aus der Zeit gefallen.
Als wir die Kathedrale später besucht haben, verstärkte sich dieser Eindruck eher noch. So gewaltig hätte ich mir diese zu den wichtigsten gotischen Kirchen gehörende Kathedrale nicht vorgestellt.


Vor allem die enorme Länge des Kirchenschiffes ist unglaublich:


Dort wo die Orgel zu erkennen ist, hört das Schiff nicht etwa auf, da liegt nur das Querschiff, hinter dem Lettner geht es fast noch einmal so lang weiter. 
Viel mehr als die ganze Monumentalität haben mich aber die Normannischen Elemente fasziniert, die vor allem in den Portalen noch zu erkennen sind. 


Sind das Adam und Eva? Und was machen die Schlangen da? Woran halten sie sich fest, und warum lächeln sie so psychodelisch entrückt? Aber vor allem, warum hat Eva ihre Brüste auf dem Rücken.


Die Groteskmasken liegen tatsächlich quer an den Säulen. Zu Dutzenden. Einfach faszinierend. 
Wie auch die Ornamente auf den Säulen.



Dass wir es nach der Kathedrale und dem mittelalterlichen Bischofspalast nicht mehr ins Schloss geschafft haben - ist  schade, da eine von 4 noch erhaltenen Kopien der Magna Carta aufbewahrt wird, - müssen wir halt noch einmal in Lincoln vorbei schauen, ist auch sonst eine interessante Stadt. 

Aber  die Meldung des Tages kam heute gleich von 2 Seiten, aus Gingen und aus Konstanz: FC Rielasingen-Arlen spielt im DFB-Pokal gegen Borussia Dortmund. Maciej besorg mir eine Karte!!!


48.Tag: Aachen nach Engen und Schluss

Er ist wieder da! Wieder hier! ( Muss nicht mitgesungen werden) Eine wunderschöne Tour ist zu Ende, 2.101km sind es geworden! Die Rü...