Montag, 12. Juni 2017

6.Tag von Lincoln nach Barton upon Humber


jetzt ist die Karte für alle frei, sorry!


(manne) Über den Dächern von Lincoln 7:00. Heftiger Wind lässt die Fenster klappern. Regen peitscht gegen die Scheiben. Ich schrecke hoch. Die heute Strecke nach Barton upon Humber ist heute etwas länger, und langsam kommen wir aus den Marschen raus. Gegen den Humber hin, wird es richtig hügelig. Friederike schläft noch selig, milde Formen der Panik ergreifen mich. Wenn es heute den ganzen Tag so regnet, windet und kalt ist, sinkt unsere Motivation vielleicht drastisch ab.
Ich denke über einen Plan B nach, mache das Notebook an und schaue nach, wie die Zuglinien in der nähe unserer Strecke verlaufen - nur so "für alle Fälle". 
Doch dann, nach dem Frühstück - dieses Mal eher bescheiden und in Eigenregie (Buffet wäre ein Euphemismus) hat der Regen aufgehört, der Wind ist erträglich und die Stimmung steigt.
Am Frühstückstisch haben wir uns nett mit einer Australierin, - in unserem Alter - unterhalten, die hier in Lincoln ein Seminar über Lehmhäuser und ihre Bauweise besuchen wird. Sie hat vor sich in der Nähe von Sidney auch ein Lehmhaus zu bauen, mit dem Lehm der auf ihrem Grundstück ist. 

Ehe ich zur Fahrt komme, muss heute unsere neueste Errungenschaft, das Teasi (Radnavi) etwas näher vorgestellt werden. Friederike wird in ihrem Beitrag noch etwas näher auf es eingehen. Für den Beginn des heutigen Tages ist es erst einmal wichtig zu wissen, dass ich jeden Morgen die schwerwiegende Entscheidung treffen muss, soll ich die Strecke wählen, das Teasi vorschlägt, oder soll ich "einfach" wählen, oder "kurz".
Erst nach fast einer Woche beginne ich zu begreifen, wie das Teasi tickt. "Auswahl" meint wahrscheinlich, dass es sich an offiziellen Radrouten orientiert. "Einfach" macht einen Mix aus keine Umwege, aber auch nicht über alle Berge, und "kurz" meint, "kurz", egal ob das Höhenprofil einer Achterbahn gleicht oder ob man auf Autobahnzubringerstraßen von LKWs durch die Landschaft geschoben wird.
Heute war, "Auswahl" 10 km länger, als "einfach". "Kurz" habe ich schon abgehakt, diese Strecken nerven.
Aber "einfach" hatten wir noch nicht versucht. Heute Abend wissen wir, dass "einfach" aber auch bedeutet, dass von offiziellen Radwegen, wie unserem Nordseeradwanderweg 1 abgewichen wird.
Die ersten Stunden waren genial. Hauptsächlich deshalb, weil wir - nach Norden fahrend- wieder kräftig Rückenwind hatten, bzw. schräg von hinten. Die Landschaft von kleinen Orten und Landwirtschaft geprägt. 
Unglaublich wie fruchtbar dieses Land ist. Aber das wusste ja schon der gute Sebastian Münster:

 "Die Insuln so umb Engeland und Irland herumb ligen/..Haben weder Holz noch Wald/sind fruchtbar an Gersten: Korn wii Weitzen  aber ist nicht gemein. In allen diesen Inseln findet man keine Schlangen/ oderdergleichen vergifftige Thier und ungezieffer. Haben gute Weiden und nehren viel Vieh. Haben viel Hasen, Cunill/Kranich/und Schwanen. Seind auch allenthalben mit gutem Fischfang versehen.." Das Land ist uber alle massen fruchtbar/ bringt allerey gattung Früchte von Getraid und Bäumen.. Manglen allein der Pomerantzen/Granat und Oelbäumen hat Lrbeer und Rosmarin/ daß man di Gärten mit umbzaunet. Hat ein mercklichen uberfluß an schönsten Blumwerck/ und bringt uber alle massen gute Kuchenkräuter. Das Land zu Berg und Thal ist Graßreich und voll der besten Weiden/darumb sie auch allerley Vieh treffentlich versehe. Die Pferd seind schön un bering/schnell zum lauffen/gemeintlich die besten Zelter: etliche seind uber alle massen arbeitsam/ die Schaaffe tragen sehr reine Wollen/kompt so wohl vom Lufft/ alß von der Weid her. 


Dass England die witzigsten Ortsnamen hat, das wusste ich ja schon von Bill Brysons geniale Beschreibung "Notes from a small Island". Aber heute haben wir eine besonders bunte Mischung passiert: Holten cum Beckering, Buslingthorpe, Holton le Moor, Cold Hanworth, Thorpe le Fallows, Hackthorne....
Und dann natürlich ein ~by nach dem andern: Owersby, Fulnetby, Osgodby, Usselby, Firsby und bestimmt noch 2 Dutzend andere ~bys.

Der Tag fliegt vorbei, wie wir mit Rückenwind durch die Dörfer.
Na ja, nicht immer "flogen" wir, bisweilen schoben wir auch


Eine "Abkürzung" die nicht zu befahren war. Am Ende der Straße war dann noch ein Gitter, um das wir nur über die Wiese herum kamen.

Manchmal rächt es sich eben, wenn man es sich "einfach" macht. Die "einfache" Route endet bei Brigg dann noch auf einer ziemlich befahrenen Straße, die zwar eine Art Radweg an der Seite hatte, - der aber nicht wirklich zu befahren war, da die Äste fast über den ganzen Weg reichten.
Da mussten wir durch.Nach dem Pseudoradweg hörte ich ein leises aber regelmäßiges Knacken, das das ich nicht verorten konnte. Hab es dann einfach ignoriert.

 Bei Melton Ross sind wir wieder auf die Strecke des Nordseeradweges gestoßen.


Das war eine ziemliche Erleichterung, auch wenn die letzten 12 km zur Berg-und Talfahrt wurde.
In Barton upon Humber angekommen, keine 500m von unserer heutigen Unterkunft entfernt, - ein Platten!
Auf dem Horrorradweg hat sich ein Dorn oder Ast von der Seite in meine "unkaputtbaren" Reifen gebohrt. Da kann auch ein Schwalbe Marathon nicht gegen an, denn verstärkt ist natürlich in erster Linie die Lauffläche. Also hoch zum Bed & Breakfast geschoben, abgeladen. Da ich nicht so scharf auf Reparatur war, bin ich wieder in den Ort zum Radladen, den die Dame der Pension mir beschrieben hat. Ich komme 15:50 dort an. Der Laden hat zu. Öffnungszeiten von 8:00-16:00 !!
Nein, ich werde dazu keinen Kommentar abgeben!
Also zurück zur Pension und selbst reparieren. Ich habe noch einen Schlauch im Gepäck.


Ging eigentlich ziemlich schnell. Trotzdem werden wir Morgen früh noch im Radladen vorbeischauen, damit die überprüfen, ob ich alles richtig gemacht habe - und natürlich einen neuen Schlauch kaufen.

(frieda)  "You're still living!" rief uns ein junger kraftstrotzender Kerl entgegen und streckte grinsend den Daumen in die Höhe. Wir sind uns auf der Landstraße begegnet, er zu Fuß, gutgelaunt, es war später Vormittag. Zuerst das "Morning" dann "You're fine?" und als Manne im vorbeifahren "thank you" zurückrief kam seine Antwort "You're still living !" Tolle alte Leute muss er gedacht haben, dass die sowas in ihrem Alter noch wagen, mensch auch solche Alte gibt es!  
Das war eine lustige Begegnung.
Und im Dorfladen (und Post)- den es übrigens in fast allen kleinen Dörfern gibt- wo wir uns ein Vesper gekauft haben, hat der Besitzer sich nach unserer Reise erkundigt und dann kopfschüttelnd gesagt: "Aber Leute, dafür haben sie doch das Auto erfunden" und lachend auf seinen dicken Bauch geklopft.
Ja, der Tag war anstrengend und sehr sehr windig und außerdem meistens auf  vielbefahrenen Straßen. Aber wenn ich gewusst hätte, dass sich der Manne schon so früh am morgen Sorgen gemacht hat, dann hätte ich gar nicht gemeckert. Ich finde ja auch, dass das Navi manchmal nervt. Vor allem wenn der Manne beim losfahren immer erstmal eine zeitlang im Kreis herumfahren muss bis die Richtung klar ist.
Es ist eine Haßliebe zwischen den beiden, und inzwischen hat das Ding sogar einen Namen, der fängt mit A an. Er (Klar ist es ein Er) ist sehr bemüht uns den richtigen Weg zu weisen, wir brauchen ihn, er weiß sehr viel und will das auch gerne weitergeben und er mag es gar nicht, wenn man seinem Ratschlag nicht folgt. Dann ist er eine beleidigte Leberwurst. M. und W. aus G. können vielleicht erraten wie er heißt?

Mittagspause vor dem Bioladen:


...und Kaffepause mit superleckeren Walnut Scones im Gartenbauzentrum (so was wie die ZG)
Sie hatten auch schöne Geranien:


Wir haben heute ein Bed & Breakfast mit eigenem Bad, das ist schon sehr angenehm. Dafür ist die Wirtin ungewohnt schweigsam und die Einführung in die Besonderheiten des Zimmers waren überaus kurz. In den anderen B&B wurde uns jeder Schalter, jede Schublade, die Schlüssel, der Türcode, die Fernbedienung vom Fernseher und vor allem das Breakfast des kommenden Tages erklärt. Das dauerte gerne auch mal eine Viertelstunde und war immer von vielen "love", "sweethart", "darling" begleitet. Und was anfangs befremdlich war, vermissen wir heute schon. Dafür hat uns der Inder, bei dem wir zum Abendessen waren, heute zur Begrüßung und zum Abschied die Hand gegeben. Huch, das sind wir ja auch nicht mehr gewöhnt.


Dann bis morgen, hoffentlich bläst es die Wolken nun endgültig mal weg!




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