Donnerstag, 15. Juni 2017

9.Tag: von Whitby nach Middlesbrough


(frieda) Heute war der Tag der richtigen Entscheidungen und zwar unter widrigsten Bedingungen.
Zuerst hat Manne entschieden, seinen Reifen selber zu wechseln, denn der Radladen macht am Donnerstag erst um 1 Uhr auf. Ich glaube, dass Radläden hier in UK allgemein nicht so gut laufen, die Leute fahren nämlich nicht Fahrrad. Wirklich nicht: England ist noch weniger ein Fahrradland als Polen!


Und das ist gut gegangen und wir konnten so kurz vor 11 Uhr losfahren.
Und wir haben uns für Albert als Routenplaner entschieden, das war eine einfache Entscheidung, denn die Route 1, große Nordseeumfahrung, nationaler Fahrradweg, hat es für diese Strecke gar nicht gegeben. Wir haben dann auch verstanden warum: vor uns lag der Nationalpark  "North York Moors Nationalpark", ein Hochmoor.
Hoch heißt, es ging erstmal hoch und wir mussten schieben-


Und der Wind hat von vorne geblasen, da wir  in Richtung Westen unterwegs waren.
Irgendwann mal waren wir oben, und der Wind hat weitergeblasen und wir waren auf einer sehr befahrenen Strasse ohne Randstreifen und ohne Fahrradweg unterwegs. 
Die Landschaft traumhaft, die Radstrecke ein Alptraum:


Dann kam ein Segel/Freizeit/Bootfahren-See und ich traf eine weitere gute Entscheidung: nicht ins Wasser zu gehen. Es war so dermaßen stürmisch und inzwischen auch recht kalt.


Nach drei Stunden hatten wir gerade mal 25 km geschafft, wir haben gegen den Wind gekämpft und immer vor den vorbeifahrenden Autos gebangt.
Und dann trafen wir eine weitere sehr gute Entscheidung: so geht's nicht weiter!
Wir sind abgebogen, runter vom Hochplateau, ins Moor hinein und Richtung Bahnstrecke Whitsby- Middlesbrough, von der wir aber gar nicht wussten, wie oft da überhaupt ein Zug fährt.
Und diese Strecke war so wunderschön. Allerdings jetzt mit Seitenwind, der mich mehrmals fast vom Rad geblasen hat, wirklich!




Ganz da vorne kann man den Manne sehen, der jetzt gleich  die 16 % Strasse runterfährt.
Und der darf jetzt auch weitererzählen:

Also gut:

(manne) Hinterrad! Erinnerst du dich, Hubert, dass ich nach der Frankreichtour versprochen hatte, jeden Tag zu üben, wie man am Hinterrad den Reifen wechselt? War mal wieder so ein Versprechen, das nach der Tour schnell vergessen ist.
Aber hat ja trotzdem gut geklappt! Aber was war das für ein Glück, das wir die letzten Tage hatten.
Einmal Mitten im Ort, keine Luft mehr im Vorderrad. Und Gestern 1,6 km vor dem Ort!
Mir wäre es recht, wenn damit das Reifenpech auf dieser Reise beendet wäre.
Aber der Wind, auf der Hochebene war wirklich heftig.
Im Frühstückszimmer in Whitby, haben wir einen Yorkshireman kennengelernt, rothaarig,- wie aus dem Bilderbuch,  der in Deutschland lebt und seine Mutter besucht -  mit seiner deutschen Freundin/Frau, rothaarig, als wären ihre Vorfahren aus Schottland ausgewandert.

Mit ihnen haben wir schon über die Strecke gesprochen. Die Yorkshire Moors, sind wohl wie die 5 Finger einer Hand. 5 Höhenrücken. Mann kann auf einem Finger relativ lange oben fahren, oder man kreuzt die Hochflächen und hat dann bis zu 26% Steigungen und Gefälle. Oben, das haben wir dann sehr bitter erfahren müssen, pfeift der Wind - fast immer!

[Und noch eine andere sehr interessante Diskussion führten wir mit dem netten Yorkshireman. Seit ich in England bin, haue ich mir regelmäßig Pfeffer aufs Spiegelei. Ich bin der Meinung, das Streuer mit 3 oder mehr als 3 Löchern , Salz enthalten. Streuer, die nur ein Loch haben,  sollten m.E. für Pfeffer sein. Nun ist es in England genau anders herum. Liege ich nun ganz daneben? Am Frühstückstisch in Whitsby konnten wir diese wichtige Fragen nicht klären - so habe ich eben mein Frühstücksei wieder einmal mit Pfeffer gegessen]

Doch zurück zur heutigen Fahrt:

Die Entscheidung an der Abzweigung hinunter nach Dunby fiel uns nicht leicht. Was, wenn der letzte Zug schon gefahren ist? Was, wenn man auf dieser Bahnstrecke  Fahrräder nicht mitnehmen kann? 
Friederike ist in solchen Situationen risikofreudiger als ich. Mir fiel es schwer, die Hochfläche zu verlassen, - trotz der Durchschnittsgeschwindigkeit von deutlich unter 10km/h.

Dieses Schild gab dann schließlich den Ausschlag:


Wäre das nicht was für den Hohlspiegel? 51 Tote in den letzten 3 Jahren, eine 54% Verbesserung!!
Waren vorher wohl so um die 25!


Unten angekommen, lösen sich alle Sorgen in Wohlgefallen auf. Zwar müssen wir bis 16:40 warten.
Doch bei fruit scones und Kaffee in einer netten Bäckerei ließ es sich aushalten.



 Und pünktlich um 16:40 kommt der Zug!

Die Landschaft ist spektakulär und aus dem Zugfenster können wir sie erst richtig geniessen.





Auf diesem Plateau im Hintergrund sind wir entlang geschlichen!

In Middlesbrough angekommen stellt sich schnell heraus, dass mit der Fahrt vom Bahnhof zum Hotel, und einem kurzen Blick aus dem Hotelfenster, das heute Sightseeing Programm abgehakt werden kann



 



Mittwoch, 14. Juni 2017

8.Tag: Von Bridlington nach Whitby




(manne)Mannomann! Wasn Tag! So viele unterschiedliche Eindrücke, so viele ups and downs, im wörtlichen, wie im übertragenen Sinne. 
Und unterm Strich, eine der schönsten Tagesetappen, die ich auf allen bisherigen Reisen gefahren bin. Vergleichbar mit der "Eisernen Pforte", einigen Abschnitten auf der Loire oder der Fahrt zwischen Atzwiller und Straßburg.

Eine wichtige Erkenntnis des heutigen Tages war, dass man auch zu viel Informationen haben kann.
Informationen, die mich die letzten Tage etwas beunruhigt haben. Nach Albert, dem Teasi, sollte der heutige Tag ziemlich hügelig werden. Und zwar 4 mal richtig ordentlich rauf. 




das waren die letzten 2. Und das auf insgesamt über 70 km. Das kann schon in die Beine gehen.

Dementsprechend angespannt war ich auch.
Das hätte beinahe zu einem ernsthaften Ehezerwürfnis geführt, - und das nachdem wir erst seit 14 Tagen neu "beringt" sind.


Aber von Anfang an. 
Bridlington hat ein berühmtes Kloster. Vor allem wegen eines St. John, der ziemlich ordentlich Wunder gewirkt haben muss.



Danach kamen ziemlich schnell die Hügel. Und zwar hoch, etwas runter, wieder hoch und zwar kräftig und das auf einer gut befahrenen Straße, nicht übertrieben, keine Lastwagen, aber doch nervig.
Dabei war die gefährlichste Situation mit einem Rennradfahrer. Albert sagte, wir sollen rechts abbiegen, da kommt der Kerl so etwas von schnell angeschossen, ich kann gerade noch einen Schrei los lassen, Friederike bleibt in der Spur, der Radfahrer schießt an uns vorbei. Das hätte schief gehen können.

Dann die 450 km. Das könnte Friederikes Halbzeit sein!! Schade, zu zweit macht es inzwischen doch viel mehr Spaß.

Auch wenn es mal zu Spannungen kommen kann. Denn! Die Straße wendet sich wieder dem Meer zu  und Friederike fängt zu maunzen und zu nöhlen an. Meer ! Baden! Meer!
Sie hätte am Liebsten ein Schlenker von 6 km in Kauf genommen, um an eine Stelle zu fahren, an der höchstwahrscheinlich kein Weg runter von den Klippen zum Meer führte. 
Dicke Luft! Dann auch noch eine grüne Straße! Und kein Dorfladen, um ein Sandwich zu kaufen!
Ich - die Vernunft in Person, habe auch nichts gegen Tankstellen mit Supermarkt. Das war für Friederike der Gipfel. Lieber wäre sie mit dem kalten Getränk  und dem Sandwich so lange weiter gefahren, bis alles warm gewesen wäre.


Dann weiter bis Scarborough . Einstens ein wirklich mondäner Badeort, mit tollen Stränden.


Friederike will immer noch Baden!
Und ich bleibe oben in einem Cafe, beobachte ihr Treiben aus der Ferne - und bin leicht angesäuert.


Ich trinke einen großen Pot Kaffee und ergebe mich in mein Schicksal!
Dass aber von da an, zwischen Scarborough und Whitby, einer der schönsten Radwege beginnt, den ich je gefahren bin, das hätte ich nicht erwartet. Und vor allem, dass meine Befürchtungen, was das Streckenprofil betrifft hinfällig werden! Schließlich war es schon 14:30 als wir aus Scarborough rausfuhren. Und die beiden großen Hügel standen noch an. Und was kommt dann?

Auf einer alten Bahntrasse, die einstmals Scarborough mit Whitby verbunden hat geht es aufwärts, 
da alte Bahnstrecken nicht so steil aufwärts gehen können, wie Straßen, bei 4,5 % hört es auf. Wir fahren richtig "gemütlich" Kilometer um Kilometer bergaufwärts, - 15 km lang. 
Doch davon soll Friederike erzählen:

(frieda): Ja, es war eine traumhafte Stecke, etwa 30 km, mit unglaublich schönen Ausblicken. 
Und ja, ich habe gebadet- das Meer war herrlich!!!!!- und der Reiseleiter war absolut dagegen. Von wegen leicht angesäuert! Er hat gedroht, dass wir heute nicht mehr ankommen,( also vielleicht auch überhaupt nie mehr!) dass wir die Strecke nicht schaffen, dass ich Stunden brauche, bis ich vom Strand wieder oben bin, ... das Blöde war ja, dass wir aus großer Höhe ziemlich weit runterfahren mussten um in die Nähe des Strandes zu kommen.
Und dann kam alles ja ganz anders, die weitere Strecke war super leicht zu fahren. Und ich war erfrischt und gut gelaunt. Und auch mein Reiseleiter hat sich allmählich wieder entspannt.

Hier sind wir auf der höchsten Höhe, 192 m, und fast bei 500 km Gesamtstrecke (es fehlen drei!)



Warum Mitte des 19 Jahrhunderts diese Eisenbahnstrecke gebaut wurde, haben wir nicht erfahren, aber es war sicher ein schöner Ausflug von Scarborough nach Whitby und für uns ein traumhafter Tag:














Und am Ende dieser schönen Tour hat Manne plötzlich gemerkt, dass das Hinterrad platt ist. Die letzten zwei km musste er schiebe. Morgen heißt es also erstmal Rad reparieren - lassen.














Dienstag, 13. Juni 2017

7.Tag: von Barton upon Humber nach Bridlington


(frieda) Juhu wir sind am Meer, und ich habe gebadet, das heißt dreimal ganz schnell rein, ein paar Schwimmzüge gemacht und wieder raus.


Aber es war toll! Geschätzt 17 bis 18 Grad und draußen warm genug um wieder aufzutauen.
Wir sind gegen 16 Uhr am Meer in Bridlington angekommen, nach 79 km.
Eigentlich hätten es so 65 km sein sollen, aber wir haben uns mal wieder völlig verfahren und sind eine ganze Stunde um Hull herumgefahren.
Daran schuld ist natürlich Albert, unser Navi (ja die Müller-Nachkommen haben das Rätsel natürlich sofort gelöst!) und schuld bin auch ich. Albert wollte uns die Bikeroute 65 leiten, ich wollte gerne mal die berühmte Route 1 ausprobieren und beide führen nach Bridlington. Und dann sind wir dem netten Mann mit dem Hollandrad begegnet und er hat uns die 1 empfohlen und ist sogar noch ein Stückchen mitgefahren. Und alles war super ausgeschildert. Das Navi war beleidigt und ich war ganz stolz, dass ich auch mal eine Route finde. Aber dann haben wir die 1 verloren und eine Route 66 war plötzlich da und ohne zu wissen, wohin die führt sind wir dieser Route gefolgt. Das Navi war auch wieder dabei aber Albert stand immer auf dem Kopf und hatte plötzlich Süden oben. Wir haben auch mal gefragt, aber die Leute hatten keine Ahnung und haben uns zurückgeschickt. Ein alter Mann, der ein bisschen an seiner Hecke herumgeschnippelt hat und auffällig nach Alkohol roch, hat sich viel Zeit genommen, aber auch er wollte uns zurückschicken. Pffff.
Bis wir dann einer netten Radfamilie begegnet sind, die auf der Route 66 unterwegs waren und uns glaubhaft versicherten, dass wir in die falsche Richtung fahren. Und die 66 führt quer durchs Land von der Nordseeküste nach Manchester.
Hier der bittere Moment der Erkenntnis, ein Park in Hull, das wir vor einer Stunde verlassen hatten:


Als wir dann ein paar Minuten in die richtige Richtung gefahren sind, kamen wir exakt an der Stelle vorbei, wo der nette Hollandradfahrer uns aufgelauert hatte. 
Die Navistrecke war traumhaft schön, auf wirklich kleinen Pfaden, entlang einer alten Eisenbahnlinie, duftender Hollunder, Heckenrosen, Mohnfelder,  da hat Albert sich echt angestrengt. 


 Und kein Mensch unterwegs, das ist wirklich erstaunlich.

Bridlington ist ein altes Seebad, das seine beste Zeit  schon lange hinter sich hat. Der Strand ist wirklich schön, aber das Städtchen selber echt heruntergekommen.


Aber egal: ich hab in der Nordsee gebadet!!! Am siebten Tag unserer Radreise endlich Wasser!


Jetzt bin ich dran:


(manne) Tja, solche Tage gibt es! Hull wird uns lange in Erinnerung bleiben. Schon der Morgen war kompliziert. Friederike hatte nicht wirklich Lust aufzustehen. Dann kleinere technische Probleme.




Doch dann ging es auf die Brücke über den Humber. Beeindruckend.



Friederike hat es schon erzählt, ich kann nur wiederholen. Vorsicht vor netten Engländern auf Hollandrädern. Meidet sie auf alle Fälle.

Die Fahrradstrecke  auf der alten Bahnroute zwischen Hull und Hornsea ist wirklich ein Erlebnis. Und ab und zu erkennt man sogar noch Spuren.


Hier ein Bahnsteig, da


ein  alte Bahnhof.
Auch nach der Bahnstrecke, hinter Hornsea,  eine wunderschöne Strecke, oben auf den Klippen, aber ohne wirklich das Meer zu sehen.

Doch  Friederike wird langsam nervös.
Und dann auch noch das Ende der Idylle! Die letzten 8 km müssen wir auf eine "grüne" Straße - viel Verkehr, ungeduldige Fahrer, die nicht immer genügend Abstand halten, das ist schon nervig und anstrengend.
Aber wir sind gut in Bridlington angekommen, und müssen feststellen, dass unsere Englischkenntnisse langsam an ihre Grenzen stoßen. No question, wir sind in Yorkshire.
Vielleicht sollte man für die Yorkshire-Menschen ein eigenes Alphabet erfinden, denn, 

riälläi - kann man wirklich nicht mit  "really" in Verbindung bringen. Den Fischern im Hafen von Bridlington musste ich schon sehr genau zuhören, um überhaupt zu verstehen, wovon sie sprachen.
Und dieser eigenwillige Dialekt entspricht auch nicht mehr ganz den Ausführungen meines Reiseleiters  Sebastian Münster:

"..Haben ein gebrochene Sprach/ und lispeln mit der Zungen/ das ist ziemlich Weibisch/ und haben klägliche oder weinende geberden/ sie haben gemeinlich die Natur/ daß was man under ihnen verleurt/ man nicht mehr verhoffen darff widerumb zu findt.."

Na ja, zum Teil vielleicht.

Aber wenn es mit den Dialekten so weiter geht wie heute in Bridlington, dann werden wir noch leichte Kommunikationsprobleme bekommen. Dabei dachte ich immer ich würde die Norddialekte ganz gut verstehen. Wir werden sehen.

Bridlington selbst, ist eher deprimierend, trotz der schönen Lage und des schönen Meeres. 
Für weniger Geld bekommt man heute einfach wärmeres Wasser und  ein angenehmeres Klima geboten. Und, das sehen wir auf unserer Strecke wirklich täglich überdeutlich, die ehemals "werktätige Bevölkerung", der untere Mittelstand ist in England am Rande des Existenzminimus, da reicht es kaum noch für Urlaub im Lande. Bleiben die Alten. 
Und denen reicht Bingo und billig Bier, die brauchen keine Vergnügungsmeile am Meer:



Die Flaniermeile wirkte ziemlich trostlos. Aber vielleicht brummt in der der Hauptsaison ja der Bär. Würden wir den Bridlingtonern wünschen. Aber dann müssen wir auch nicht dabei sein.


Also ziehen wir uns schön "Fish und Chips" mit schön viel Malt Vinegar rein, dazu ein gutes lauwarmes Ale und gehen zurück  auf unser Zimmer, in einer Straße die typischer "English Seaside Resort" nicht sein kann,


-  ein Bed & Breakfast am anderen - und genießen den Sonnenuntergang vom Fenster aus


 Und das Fußballspiel Frankreich gegen England!


Montag, 12. Juni 2017

6.Tag von Lincoln nach Barton upon Humber


jetzt ist die Karte für alle frei, sorry!


(manne) Über den Dächern von Lincoln 7:00. Heftiger Wind lässt die Fenster klappern. Regen peitscht gegen die Scheiben. Ich schrecke hoch. Die heute Strecke nach Barton upon Humber ist heute etwas länger, und langsam kommen wir aus den Marschen raus. Gegen den Humber hin, wird es richtig hügelig. Friederike schläft noch selig, milde Formen der Panik ergreifen mich. Wenn es heute den ganzen Tag so regnet, windet und kalt ist, sinkt unsere Motivation vielleicht drastisch ab.
Ich denke über einen Plan B nach, mache das Notebook an und schaue nach, wie die Zuglinien in der nähe unserer Strecke verlaufen - nur so "für alle Fälle". 
Doch dann, nach dem Frühstück - dieses Mal eher bescheiden und in Eigenregie (Buffet wäre ein Euphemismus) hat der Regen aufgehört, der Wind ist erträglich und die Stimmung steigt.
Am Frühstückstisch haben wir uns nett mit einer Australierin, - in unserem Alter - unterhalten, die hier in Lincoln ein Seminar über Lehmhäuser und ihre Bauweise besuchen wird. Sie hat vor sich in der Nähe von Sidney auch ein Lehmhaus zu bauen, mit dem Lehm der auf ihrem Grundstück ist. 

Ehe ich zur Fahrt komme, muss heute unsere neueste Errungenschaft, das Teasi (Radnavi) etwas näher vorgestellt werden. Friederike wird in ihrem Beitrag noch etwas näher auf es eingehen. Für den Beginn des heutigen Tages ist es erst einmal wichtig zu wissen, dass ich jeden Morgen die schwerwiegende Entscheidung treffen muss, soll ich die Strecke wählen, das Teasi vorschlägt, oder soll ich "einfach" wählen, oder "kurz".
Erst nach fast einer Woche beginne ich zu begreifen, wie das Teasi tickt. "Auswahl" meint wahrscheinlich, dass es sich an offiziellen Radrouten orientiert. "Einfach" macht einen Mix aus keine Umwege, aber auch nicht über alle Berge, und "kurz" meint, "kurz", egal ob das Höhenprofil einer Achterbahn gleicht oder ob man auf Autobahnzubringerstraßen von LKWs durch die Landschaft geschoben wird.
Heute war, "Auswahl" 10 km länger, als "einfach". "Kurz" habe ich schon abgehakt, diese Strecken nerven.
Aber "einfach" hatten wir noch nicht versucht. Heute Abend wissen wir, dass "einfach" aber auch bedeutet, dass von offiziellen Radwegen, wie unserem Nordseeradwanderweg 1 abgewichen wird.
Die ersten Stunden waren genial. Hauptsächlich deshalb, weil wir - nach Norden fahrend- wieder kräftig Rückenwind hatten, bzw. schräg von hinten. Die Landschaft von kleinen Orten und Landwirtschaft geprägt. 
Unglaublich wie fruchtbar dieses Land ist. Aber das wusste ja schon der gute Sebastian Münster:

 "Die Insuln so umb Engeland und Irland herumb ligen/..Haben weder Holz noch Wald/sind fruchtbar an Gersten: Korn wii Weitzen  aber ist nicht gemein. In allen diesen Inseln findet man keine Schlangen/ oderdergleichen vergifftige Thier und ungezieffer. Haben gute Weiden und nehren viel Vieh. Haben viel Hasen, Cunill/Kranich/und Schwanen. Seind auch allenthalben mit gutem Fischfang versehen.." Das Land ist uber alle massen fruchtbar/ bringt allerey gattung Früchte von Getraid und Bäumen.. Manglen allein der Pomerantzen/Granat und Oelbäumen hat Lrbeer und Rosmarin/ daß man di Gärten mit umbzaunet. Hat ein mercklichen uberfluß an schönsten Blumwerck/ und bringt uber alle massen gute Kuchenkräuter. Das Land zu Berg und Thal ist Graßreich und voll der besten Weiden/darumb sie auch allerley Vieh treffentlich versehe. Die Pferd seind schön un bering/schnell zum lauffen/gemeintlich die besten Zelter: etliche seind uber alle massen arbeitsam/ die Schaaffe tragen sehr reine Wollen/kompt so wohl vom Lufft/ alß von der Weid her. 


Dass England die witzigsten Ortsnamen hat, das wusste ich ja schon von Bill Brysons geniale Beschreibung "Notes from a small Island". Aber heute haben wir eine besonders bunte Mischung passiert: Holten cum Beckering, Buslingthorpe, Holton le Moor, Cold Hanworth, Thorpe le Fallows, Hackthorne....
Und dann natürlich ein ~by nach dem andern: Owersby, Fulnetby, Osgodby, Usselby, Firsby und bestimmt noch 2 Dutzend andere ~bys.

Der Tag fliegt vorbei, wie wir mit Rückenwind durch die Dörfer.
Na ja, nicht immer "flogen" wir, bisweilen schoben wir auch


Eine "Abkürzung" die nicht zu befahren war. Am Ende der Straße war dann noch ein Gitter, um das wir nur über die Wiese herum kamen.

Manchmal rächt es sich eben, wenn man es sich "einfach" macht. Die "einfache" Route endet bei Brigg dann noch auf einer ziemlich befahrenen Straße, die zwar eine Art Radweg an der Seite hatte, - der aber nicht wirklich zu befahren war, da die Äste fast über den ganzen Weg reichten.
Da mussten wir durch.Nach dem Pseudoradweg hörte ich ein leises aber regelmäßiges Knacken, das das ich nicht verorten konnte. Hab es dann einfach ignoriert.

 Bei Melton Ross sind wir wieder auf die Strecke des Nordseeradweges gestoßen.


Das war eine ziemliche Erleichterung, auch wenn die letzten 12 km zur Berg-und Talfahrt wurde.
In Barton upon Humber angekommen, keine 500m von unserer heutigen Unterkunft entfernt, - ein Platten!
Auf dem Horrorradweg hat sich ein Dorn oder Ast von der Seite in meine "unkaputtbaren" Reifen gebohrt. Da kann auch ein Schwalbe Marathon nicht gegen an, denn verstärkt ist natürlich in erster Linie die Lauffläche. Also hoch zum Bed & Breakfast geschoben, abgeladen. Da ich nicht so scharf auf Reparatur war, bin ich wieder in den Ort zum Radladen, den die Dame der Pension mir beschrieben hat. Ich komme 15:50 dort an. Der Laden hat zu. Öffnungszeiten von 8:00-16:00 !!
Nein, ich werde dazu keinen Kommentar abgeben!
Also zurück zur Pension und selbst reparieren. Ich habe noch einen Schlauch im Gepäck.


Ging eigentlich ziemlich schnell. Trotzdem werden wir Morgen früh noch im Radladen vorbeischauen, damit die überprüfen, ob ich alles richtig gemacht habe - und natürlich einen neuen Schlauch kaufen.

(frieda)  "You're still living!" rief uns ein junger kraftstrotzender Kerl entgegen und streckte grinsend den Daumen in die Höhe. Wir sind uns auf der Landstraße begegnet, er zu Fuß, gutgelaunt, es war später Vormittag. Zuerst das "Morning" dann "You're fine?" und als Manne im vorbeifahren "thank you" zurückrief kam seine Antwort "You're still living !" Tolle alte Leute muss er gedacht haben, dass die sowas in ihrem Alter noch wagen, mensch auch solche Alte gibt es!  
Das war eine lustige Begegnung.
Und im Dorfladen (und Post)- den es übrigens in fast allen kleinen Dörfern gibt- wo wir uns ein Vesper gekauft haben, hat der Besitzer sich nach unserer Reise erkundigt und dann kopfschüttelnd gesagt: "Aber Leute, dafür haben sie doch das Auto erfunden" und lachend auf seinen dicken Bauch geklopft.
Ja, der Tag war anstrengend und sehr sehr windig und außerdem meistens auf  vielbefahrenen Straßen. Aber wenn ich gewusst hätte, dass sich der Manne schon so früh am morgen Sorgen gemacht hat, dann hätte ich gar nicht gemeckert. Ich finde ja auch, dass das Navi manchmal nervt. Vor allem wenn der Manne beim losfahren immer erstmal eine zeitlang im Kreis herumfahren muss bis die Richtung klar ist.
Es ist eine Haßliebe zwischen den beiden, und inzwischen hat das Ding sogar einen Namen, der fängt mit A an. Er (Klar ist es ein Er) ist sehr bemüht uns den richtigen Weg zu weisen, wir brauchen ihn, er weiß sehr viel und will das auch gerne weitergeben und er mag es gar nicht, wenn man seinem Ratschlag nicht folgt. Dann ist er eine beleidigte Leberwurst. M. und W. aus G. können vielleicht erraten wie er heißt?

Mittagspause vor dem Bioladen:


...und Kaffepause mit superleckeren Walnut Scones im Gartenbauzentrum (so was wie die ZG)
Sie hatten auch schöne Geranien:


Wir haben heute ein Bed & Breakfast mit eigenem Bad, das ist schon sehr angenehm. Dafür ist die Wirtin ungewohnt schweigsam und die Einführung in die Besonderheiten des Zimmers waren überaus kurz. In den anderen B&B wurde uns jeder Schalter, jede Schublade, die Schlüssel, der Türcode, die Fernbedienung vom Fernseher und vor allem das Breakfast des kommenden Tages erklärt. Das dauerte gerne auch mal eine Viertelstunde und war immer von vielen "love", "sweethart", "darling" begleitet. Und was anfangs befremdlich war, vermissen wir heute schon. Dafür hat uns der Inder, bei dem wir zum Abendessen waren, heute zur Begrüßung und zum Abschied die Hand gegeben. Huch, das sind wir ja auch nicht mehr gewöhnt.


Dann bis morgen, hoffentlich bläst es die Wolken nun endgültig mal weg!




48.Tag: Aachen nach Engen und Schluss

Er ist wieder da! Wieder hier! ( Muss nicht mitgesungen werden) Eine wunderschöne Tour ist zu Ende, 2.101km sind es geworden! Die Rü...