Mittwoch, 28. Juni 2017

22. Tag: Von Campbeltown nach Ballycastle

Heute gibt es keine Karte, denn das Programm glaubt nicht, dass ich mit dem Fahrrad über Wasser fahren kann.


Es gibt sie noch, die ganz besonderen Momente auf einer Reise!
Was für eine unglaubliche Überfahrt!

Doch von Anfang an.
Natürlich brauchte ich keinen Wecker, ich war schon lange vorher wach. Und natürlich war ich überpünktlich am Hafen.
Wo bitteschön liegt die Fähre. Da liegen nur kleine Segelboote und ein paar Motorjachten. 
Dann entdecke ich den Kintyre Express! Was damit soll es übers offene Meer?


Okeeeeey? Würde Marie sagen!
Und so richtig viele Mitreisende trudeln auch nicht ein. Genau genommen niemand! Ich bin der einzige Passagier. Luxuspassagier. Gerry, der Bootsführer und Aaron sein Bootsführerlehrling, kommen aber ziemlich pünktlich. Innerhalb kurzer Zeit erfahre ich eine ganze Reihe neuer Adjektive, die alle das gleiche Bedeuten wie "rough passage" -Raue Überfahrt, es würde ein wee bit bumpy werden, selbsterklärend und so geht es weiter.
Gerry erklärt mir auch, dass ich Glück habe, letztes Wochenende sind sie nicht gefahren und Morgen wird es wohl auch nichts werden. "I take no risks!" Das beruhigt mich. Also heute geht es noch gerade so! Meint Gerry.
Ist schon komisch, da sitzt man irgendwann an seinem Schreibtisch scrollt in der Weltgeschichte herum, bucht eine Fähre und es kommt einem nicht annähernd in den Sinn, dass solche Boote unter Umständen aus Wettergründen gar nicht fahren können. Was habe ich wieder einmal Glück gehabt!
(Ich hoffe inständig, dass mein "Glückssack" damit noch lange nicht geleert ist)

Ich bin ganz froh, dass es in meinem guesthouse um diese Uhrzeit noch kein Frühstück gab. Mit den Haferplätzchen im Magen sollte nicht viel schief gehen.


Das Fahrrad wird von Gerry fachmännisch vertäut (ihr merkt, kaum bin ich an Bord, da passe ich meinen Sprachgebrauch den Seeleuten an)

Ich frage Gerry, wo es am besten ist zu sitzen, hinten oder vorn. Er meint, wenn du was sehen willst vorne, wenn du Angst um dein Frühstück hast, hinten. So ganz sicher bin ich mir nicht, 


Aber als einziger Fahrgast kann ich jederzeit auch den Platz wechseln - dachte ich, als das Boot noch im Hafen lag!!!

Pünktlich "stechen wir in See" (!).  In der Bucht von  Campbeltown  rumpelt es nur ein bisschen, aber das ändert sich schnell!


Fotografieren wird langsam schwierig! Mal fängt man den Himmel ein, mal das Wasser, mal die beschlagene Scheibe.
Das ganze gestaltet sich inzwischen eher wie Bullenreiten, bei einem texanischen Rodeo. Wenn man sich nicht mit den Beinen gegen die Fußstütze abstützt geht es ganz schön ins Kreuz. Der Kapitän und sein Maat haben gut gefederte Sitze, die schwingen gemütlich auf und ab. Die der Passagiere sind dagegen eher hart ausgelegt. Und es ist ja nicht nur das Auf- und Ab. Gleichzeit kippt das Boot auch noch auf der Längsachse, links und rechts. 
Nach dem ersten Schrecken, gewöhne ich mich an diese Art des Frühsports. Mein Magen steckt die Schläge weg ohne zu Murren!  Das rechne ich ihm hoch an! 
Ich glaube, diese Art von Hochseegymnastik ist weniger schlimm, als die sanften, fast unmerklichen Bewegungen eines großen Schiffes.
Zuerst geht es der Kintyre Halbinsel entlang.


Tolle Landschaft, ich bin begeistert! 
Und dann die MULL OF KINTYRE!!!

Natürlich vergesse ich nicht vor mich hin zu singen. Und alle singen mit!!


     Mull of Kintyre
Oh, mist rolling in from the sea
My desire is always to be here
Oh, Mull of Kintyre

Far have I travelled and much have I seen
Dark distant mountains with valleys of green
Past painted deserts, the sun sets on fire
As he carries me home to the Mull of Kintyre

Mull of Kintyre
Oh, mist rolling in from the sea
My desire is always to be here
Oh, Mull of Kintyre

Sweep through the heather like deer in the glen
Carry me back to the days I knew then
Nights when we sang like a heavenly choir
Of the life and the times of the Mull of Kintyre

Mull of Kintyre
Oh, mist rolling in from the sea
My desire is always to be here
Oh, Mull of Kintyre

Smiles in the sunshine and tears in the rain
Still take me back where my memories remain
Flickering embers grow higher and higher
As they carry me back to the Mull of Kintyre

Mull of Kintyre
Oh, mist rolling in from the sea
My desire is always to be here
Oh, Mull of Kintyre

Mull of Kintyre
Oh, mist rolling in from the sea
My desire is always to be here
Oh, Mull of Kintyr

Schön ist es hier, auch wenn ich ständig den Kontakt zu meinem Sitz verliere!

Wale oder Delphine sehe ich heute keine. Aber jede Menge Seevögel. Kleine schwarz weiße, die wie Papageien fliegen - könnten Papageientaucher sein, oder sonst irgendwelche Alke.
Sehr große weiße Vögel mit schwarzen Flügelspitzen die es schaffen bei dem Wind fast in der Luft zu stehen.....


Da bei den beiden weißen Häusern, da ist auch der Leuchtturm der Mull of Kintyre, erklärt mir Gerry. Von hier aus geht es weg vom Ufer hinüber nach Irland.
Tschüss Schottland! Gestern hast du mir den Abschied erleichtert. Aber insgesamt war es sehr schön im nördlichsten Teil der Reise. Was mich vor allem überzeugt hat, liebe Schotten, ist dass ihr viel mehr Wert auf gutes Essen legt! Oder wir haben in Schottland einfach mehr Glück als in England gehabt, wo wir jedes schreckliche Vorurteil bestätigt gefunden haben? Auffallend war schon, wie oft betont wurde, dass nur regionale Produkte Verwendung finden und dass die Wurst einmal Beatrice geheißen hat. Hat mir imponiert - und auch die kleinen Craft Brauereien, chapeau, macht weiter so liebe Schotten!
Aber jetzt, da drüben ist Irland!  


Sind das nicht schon ähnliche Basaltformationen, für die der Giant´s Causeway bekannt ist, den ich Morgen besuchen werde?



Über das offene Meer war das mit "bumpy" eher harmlos. Richtig zur Sache ging es noch einmal, als wir uns den Felsen vor der Einfahrt nach Ballycastle nähern



Klar,  ich haue jetzt  ein bisschen auf den Putz! Die Stelle um die Felsen herum war schon rumpeltechnisch jedoch seeehr beeindruckend.


Hier kommen mehrere Strömungen zusammen, sagt Gerry, da muss man durch!


Als wir nach 2 Stunden in den Hafen von Ballycastle einlaufen, habe ich nichts dagegen, wieder festen Boden unter die Füße zu bekommen. 
Gerry spritzt noch schnell mein Rad ab - damit das Salzwasser keinen Schaden anrichten kann - und mich gleich mit, obwohl Rosten nicht mein Problem ist. Das ist schon ein anständiges Trinkgeld wert, oder?

Kaum von Bord habe ich ein Gefühl der Erleichterung. Die letzten 3 Tage auf diesen Halbinseln, - da war mir schon etwas flau zumute, - ein Gefühl wie in eine Sackgasse zu fahren!
Ballycastle begrüßt mich gleich mit ein paar Sonnenstrahlen und es ist auch ein paar Grad wärmer als die letzten Tage, d.h. 11-12° statt 9-10°


Friederike, ganz bestimmt wärst du hier an diesem netten kleinen Sandstrand  N I C H T  ins Wasser gegangen, dazu pfoff der Wind dann doch zu kräftig. Heute von Norden her. Sollte der Wind anhalten und die Windrichtung bleiben, dann nur zu. Ab jetzt geht es nach Süden!!

Sollte es noch irgendwelcher Beweise bedürfen, dass ich wirklich in Irland angekommen bin. 
Hier bitte schön Nr.1:


Aber der schönste lag auf dem Nachtkästen meiner heutigen Unterkunft. Ihr werdet das für einen Fake halten - stimmt aber!


Hatte ich mich gerade ganz gut an das schottische Englisch gewöhnt, so muss ich mich jetzt wieder gewaltig umstellen.
Aber die ersten Sätze habe ich schon verstanden.

´ank uuh  ist ja auch nicht wirklich schwer.

Morgen wird  eine "Wanderung" zu dem Giant´s Causeway unternommen!
Bis dann!

Dienstag, 27. Juni 2017

21.Tag: Von Tarbert nach Campbeltown


OhwasnTAG!!!
Und wasn Dusel!!

Aber der Reihe nach. Schon der erste Blick aus dem Fenster bestätigt. Die Wetterprognosen haben sich nicht geirrt.


Es regnet. Und es soll den ganzen Tag regnen!
Gut, dass ich meine Regenausrüstung vor dieser Reise, auf dem Isarradweg, dem ultimativen Härtetest unterzogen habe. Da sollte eigentlich nichts schiefgehen.


Auch wenn Radeln in Vollplastikverpackung nicht wirklich zum meinen "Lieblingsfunsportarten" gehört. 
Was soll´s. Nach Campbeltown sind es 60 km. Herr Knap und auch der nette Gastgeber in Dunoon haben beide gesagt, die gestrige Strecke sei die härtere, - heute nur "hills". Oh Mann, die haben so was von überhaupt keine Ahnung: "Heimatkunde 6 - setzen!"
Die Hügel der heutigen Etappe waren tatsächlich deutlich niedriger, als die 3 Berge gestern. Aber davon gab es 7-8 und jeder 2.hatte Abschnitte, über 16% Steigung manchmal 20% oder darüber, d.h. Absteigen und schieben.
Und die, die ich fahren konnte hatten es in sich. Da wird es schnell warm unterm Plastik.
Zum Glück, hört es zwischen drin auch mal - fast - auf zu regnen, so dass ich wenigstens den Regenponcho ausziehen kann.


Die 1.000km Marke hatte ich mir eigentlich anders vorgestellt.
Aber immerhin der Wind hält sich in Grenzen, bis ich über den Hauptkamm der Kintyre-Halbinsel muss. Auf einmal wieder Gegenwind bergauf.
So sehr ich Windräder schätze, sie sind immer ein schlechtes Zeichen für den Radfahrer.


Man kann sie gerade noch erkennen, obwohl sie eigentlich nicht so weit entfernt sind. Die Wolken schaffen es kaum über die Hügel.


Dann in der Ferne, der Killbrannan Sound, die andere Seite.
Heute konnte ich kaum Fotos machen. Ich hatte Angst, dass die Nässe mir die 2.Kamera schrottet.
Das Sträßchen, das nun an der Ostküste der Halbinsel entlang führt ist viel schmaler als die gestrigen, die Ausweichbeulen aber etwas häufiger. Verkehr ist anfangs eh kaum, aber die wenigen haben es ins sich. Vor allem die Handwerker in ihren Sprinter halten selten oder nie an den "Beulen" und dann muss ich halten. Ob es nun bergauf oder bergab geht.
Erst einmal geht hinunter bis  ans Wasser und gleich darauf wieder ultrasteil hoch, nicht lustig.
Irgendwann die 11:00 Uhr Banane am Wegesrand. In dem Eichenwäldchen ist es wenigstens nicht ganz so nass.


Und dann hoch und weiter hoch. Oben angekommen die Begegnung 2er Oldtimer, die erst einmal eine Pause einlegen müssen.


Der schöne alte Bulli, weil er den Berg hoch heiß gelaufen ist, was ich meinerseits nicht sagen kann, ich könnte etwas mehr Luft vertragen.
Dann geht es lange abwärts, mal wieder durch den Schwarzwald.



Dann Mittagspause in Carradale. Am Straßenrand ein Cafe. Ich muss nicht ganz hinter in den Ort.
Aber das hilft mir auch nicht viel. Denn am Ortsausgang geht es giftig und lange hoch. Keine Chance, laufen.
Irgendwann ist der Anstieg wieder fahrbar. Die letzten 15 km werde ich wohl noch schaffen.


Und wieder ganz runter ans Wasser. Und wieder hoch. Es zeichnet sich langsam ab, dass dies der "schöne Teil" des Tages war, wettertechnisch gesehen. Der Wind frischt auf, die Regenwolken kommen immer tiefer angeschossen. 
Und wieder geht es nach oben. Und nach oben.
- Da kommt von hinten ein kleiner Linienbus. Etwa 500m vor mir hält er. Läßt eine ältere Dame einsteigen. Und bleibt stehen. Ich überhole ihn. Der Busfahrer macht ein Zeichen: "Was soll das! Warum quälst du dich den Berg hoch! Los steig ein!"
Mann bin ich froh! Dave, hat mir den Tag gerettet! Ich zahle  2.70, das Fahrrad kostet nichts. Kaum bin ich im Bus, geht der Regen richtig los, der Wind peitscht den Regen richtig gegen die Busfenster, und es geht weiter - rauf und runter, rauf und runter!!
Im Nachhinein denke ich, wenn mich der nette Busfahrer nicht reingewunken hätte, wäre ich heute ganz schön fertig angekommen. 10km können auf einer solchen Strecke ganz schön lang sein.
Mann habe ich ein Glück gehabt. Ich werde eine ganze Batterie Kerzen anzünden, wenn ich das nächste Mal am Comersee bei der Sta Maria di Gishallo, vorbei schaue!! 
In Campbeltown angekommen regnet es in Strömen und es windet. Und es hat Nebel!!
Heute Morgen habe ich den netten Herrn Knap gefragt, wie den hierzulande der Winter sei. "Nicht viel anders als heute!" 



Von meinem Guesthouse könnte man den Hafen sehen. Heute mehr ahnen als sehen.
Hatte Tarbert den Charme der 50er Jahre. So ist Campbeltown eher in der Wirtschaftskrise der 20er steckengeblieben. Im Hafen wird Holz verladen. Die Läden, - eher triste! Mag aber auch am Wetter liegen.
Schnell was zu essen suchen, im Hafen nachfragen, wo der Kintyre-Express Morgen nach Ballycastle ablegt und dann schnell zurück aufs Zimmer.
Im Informationsbüro sagt man mir, ich solle mindestens um 7:10 da sein! Das Boot geht um 7:30.
Ich darf auf keinen Fall verschlafen! Denn hier muss ich Morgen weg!

Und nicht mit dem Fahrrad!
Drückt mir die Daumen, dass Alles klappt!

Montag, 26. Juni 2017

20.Tag: Von Dunoon nach Tarbert

die Route

Wow! Wasn Tag!
Wie viele Sterne darf man vergeben? 
Wenn 5 Sterne das höchste ist, dann muss ich eine Aufsplittung der Wertung vornehmen.

Heute war eine 5 Sterne Strecke! Trotz all der Berge!
Ein 5 Sterne Wetter! Trotz der seehr frrischen Temperaturen!
Und ein 3 Sterne Manne! (Ist ja sonst niemand da, der mir auf die Schulter klopft, mache ich´s halt selbst und bleibe - fast schon unanständig bescheiden!)

Aber von Anfang an:

Dunoon, bzw. meine Unterkunft war wirklich die schönste auf der bisherigen Strecke, die Leute sehr angenehm. Und das Frühstück, - Früchte! In jeder Form! Mein erstes porrigde- fantastisch! Auch wenn ich das Angebot meines Gastgebers, einen wee bit Whisky reinzutun, dankend ablehnen musste. 
Und der Raum mit Ausblick - erste Sahne!


Hinter den Fensterscheiben war es gemütlich warm. Ein kurzer Schritt vor die Tür genügte, heute müssen die Beinlinge ran! Das Thermometer hat es knapp über die 10° geschafft. Für eine Bergetappe eigentlich keine schlechten Voraussetzungen.
Die Touri-Folklore-Karte von gestern, das war mir schon klar, ist eine glatte Unverschämtheit. Von wegen nur über einen Berg. Es waren heute derer Drei und jeder für sich eine ziemliche Herausforderung.
Doch zuerst ging es gemütlich am Clyde und dann am Holy Loch entlang. Wunderschön zum Einradeln.


Spiegelglattes Wasser, d.h. kein Wind! Welch Hochgefühl! Kein Wind!!!!
 Da macht das Radeln wieder Spaß, auch wenn ich mir ausrechnen kann, dass da hinten - dort wo die beiden Hügel zusammenkommen und dahinter der nächste dräut, der Einstieg in meine heutige Bergetappe sein muss. 
Und so war es auch.
Und es ging gleich knackig los. Zuerst versuche ich die Variante: Softshell ausziehen, Beinlinge anlassen. Geht nicht lange, dann muss ich auch die Beinlinge ausziehen. Das ist schweißtreibend.
Ich komme mir phasenweise wie im Schwarzwald vor.




Die Steigung ist knackig, aber machbar,immer wieder mit Plateaus auf denen man Luft holen kann. In den Highlands geht es bestimmt nicht anders zu Sache.

Auf der Höhe ist der Tarsanstausee, Loch Tarsan ! Und dann geht es hinab zum Loch Striven, das eigentlich ein Fjord hinunter zum Firth of Clyde ist.


Was mich hier oben am meisten beeindruckt hat ist die Stille. Nichts zu hören - vor allem kein Wind!
Die Straße ist sehr schmal, zwei Autos kommen nicht aneinander vorbei, dafür hat sie alle paar hundert Meter Beulen, an denen man aneinander vorbei kommt. Die paar Autos, die mir heute begegnen sind rücksichtsvoll und warten wirklich auf die "Beulen" bis sie überholen, bzw. ich warte auch mal, wenn ich höre, dass von hinten was kommt.



Das ist jetzt das Loch Striven und ich habe eine rasante Abfahrt hinter mir. Zu der ich mir ganz schnell wieder die Jacke rausgeholt habe!
Am rechten Rand des Striven geht es dann wieder hoch. Obaschowia, würde der Bayer sagen. Der 2. Berg des heutigen Tages ist zwar nicht ganz so hoch, wie die anderen beiden, aber dafür um so giftiger. Mit 20-24% Steigung für mich streckenweise nicht zu fahren. Aber zu schieben sind diese Rampen auch eklig. Das geht in die Arme. 
Aber ich habe ja Zeit, bin nicht gestresst, die Ausblicke sind einfach der Hammer und so schiebe ich mich und das Radl nach oben.


Also wieder alles Ausziehen! Dann geht´s wieder abi! Also wieder alles Anziehen. Ich schwör´, nach 100m Abfahrt, frierst du dir sonst die Arme ab (der Körperteil, der sonst für diese Redewendung herhalten muss, ist gut geschützt vorm Abfrieren!) 
Unten angekommen am Loch Riddon, kommt schon das erste Schild, das bestätigt, das die Fähre hinüber nach Tarbert heute fahrplanmäßig unterwegs ist. Das ist sehr beruhigend, zu wissen. Denn Alternativen gibt es in dem Gelände eigentlich nicht.

Konnte man in echt schon lesen.
Und nun kommt der schönste Abschnitt des Tages. Das ist zwar der höchste Berg der Strecke, doch er lässt sich einigermaßen gut fahren ohne abzusteigen. Fast oben angekommen ein Aussichtspunkt über die Kyles of Bute und die Insel Bute- gehört alles zu einem großen Naturschutzgebiet. 


Ich bin ja sonst kein Freund von Reiseführersuperlativen, aber das war heute wirklich atemberaubend, - wenn mir nach dem Anstieg hierher irgendjemand noch meinen Restatem hätte rauben können. Das war die schönste Mittagspause bisher seit wir/ich über diese Insel radel/n.


Hier habe ich auch eine Gruppe Radfahrer getroffen, die  heute allerdings mit dem Auto unterwegs sind, und mich etwas neidisch beobachten, bis wir nett ins Gespräch kommen. Außer diesen Radfahrern - heute ohne Räder - sind mir heute nur 2 Fernradler/innen  und 2 Rennradler begegnet. Das war´s dann schon.


Danach wieder Alles anziehen und hinunter nach Tighnabruaich (jetzt bist du dran John!) keine Ahnung wie man diesen Ort ausspricht, aber die gälische Schotten gehen ähnlich großzügig mit Vokalen um wie die Franzosen, um dann hinten hinaus vielleicht  ~brach zu sagen.


An den Hängen dieser Abfahrt den halben Berg hoch Rhododendren! Halbe Wälder.
Und ein wenig "Kunst"



Und ein letztes Mal den Berg hoch, wieder Direttissima ohne Kehren, einfach steil hoch und hinunter zum Loch Fyne. Mein liebstes Loch des Tages!
Denn an diesem liegt Portavadie, wo die Fähre nach Tarbert abgeht.


Aber vorher kommt noch Millhouse - das musste ich für alle Freunde der Simpsons  einfach aufnehmen. Jetzt wissen wir endlich woher die Vorfahren von "Millhouse" kommen.
Millhouse ist ein Weiler, mit nur ein paar Häusern. Vermutlich ist nicht mehr übrig, denn die Mühle von Millhouse war eine Pulvermühle. Und man hat gut daran getan, diese Art von Mühlen so abgelegen wie irgend möglich zu platzieren.


Mit dieser Kanone haben sie 2007 versucht das Millhoussche Pulver wieder herzustellen und zu testen. Weit geflogen ist die Kugel allem Anschein nach nicht.


Un dann die Anlegestelle


Und dann die Fähre. So Stücker 10 Autos gehen drauf.


Nach etwa einer 1/2 Stunde sind wir drüben. Auf dem richtigen "Zipfel" (siehe unten). Der Halbinsel Kintyre. Wobei Tarbert genau genommen nicht Kintyre zugerechnet wird. Hier sagen sie dazu Knapdale. 

Tarbert ist ein Bilderbuchhafen. Etwas aus der Zeit gefallen. Man könnte hier wunderbar Filme drehen, die in den 50er und 60er Jahren spielen,  ohne dass man viel verändern müsste. Mir gefällt es hier sehr gut. 
Die Hafenkneipen sind noch Hafenkneipen, schlechtes Essen gutes Bier. Touristen schon irgendwie, aber auch nicht wirklich. Das war heute das erste Mal, dass ich in eine Kneipe reinkomme, und mich von Anfang an nett mit meinen neuen "Nachbarn" unterhalten habe. Ein älterer Herr aus Yorkshire ist gerade mit seinem Boot angekommen, - nicht aus Yorkshire natürlich. Er fährt hier nur rum und das Boot liegt in der Nähe von Dunoon. Ich weiß jetzt Alles über die Lochs und warum er bis Mittwoch wieder in Dunoon sein muss, - So gefällt mir das Radeln!

Meine heutige Unterkunft ist sehr original. Das Knap Guesthouse ist ein schönes altes graues Steinhaus aus dem 19. Jahrhundert. 


Mit einer ausnehmend hübschen Eingangstür. Ich frage Herrn Knap ob seine Vorfahren aus Deutschland ausgewandert sind, -und wenn ja, um Gottenswillen nach Schottland, und warum auf dem Weg hierher ein P verloren gegangen ist. Her Knap lacht und erklärt, dass knap hier Abhang, Gipfel heißt. 

So Morgen geht es also den Kintyre hinunter; wahrscheinlich noch einmal eine etwas gebirgige Tour.
Mein neuer Yorkshire Freund war am Wochenende in Campbeltown und meinte, dass die Fähre nach Irland am Samstag ausgefallen sei. Er wollte auch nach Irland, aber bei dem sturmartigen Westwind sei das nicht möglich gewesen. Na, dann hoffen wir mal, dass ich am Mittwoch in Campbeltown nicht in eine Sackgasse gerate, - das wäre bitter. Aber der Wind ist vorüber. Es soll  die nächsten Tage "ergiebig" regnen.

Eines muss ich die ExpertInnen von der Profa aber noch fragen: 
Seit ich die Karten dieser Gegend eingehend studiere, stelle ich mir immer wieder die Frage, geht das nur mir so, dass mir beim Anblick der Halbinsel Kintyre komische Assoziationen kommen?


Sollte man diese geographische Anomalie nicht eher "Dick of Scotland" nennen - was meinst du John?








Sonntag, 25. Juni 2017

19. Tag: Von Glasgow nach Dunoon



Der erste Blick aus dem Fenster, - die Sonne scheint. Der zweite: Dunkle Wolken. Heute kommen die Beinlinge und das warme Unterhemd zum Einsatz.
Beim "Aufsatteln" bläst es mein armes Fahrrad fast um. Der Wind ist immer noch heftig und das mitten in der Stadt. Ich starte. Nach kurzer Zeit ist es mir zu blöd. Ich drehe um, fahre zum Bahnhof und kaufe ein S-Bahn Ticket Richtung Glasgow Habour und Gourock (sprich Guurruukk).
An dieser Stelle ein großes Lob an die in England und Schottland viel kritisierten privatisierten Bahnen. Sie sind nicht teuer und das Fahrrad war bisher immer kostenlos.



 Nö, die nächsten beiden Tage werden heftig genug werden. Da muss ich mich nicht heute schon gegen den Wind aus der Stadt quälen!!
(Ich weiß ja, das ist nicht die reine Radlerlehre! Aber vielleicht kann mir meine Leserschaft ja den kleinen Beschiss verzeihen. Ein kleines "ego te absolvo" nach dem Nachtgebet würde mir schon reichen)
Mir jedenfalls hat die Entscheidung gut getan. Zumal mir das Wok-Gericht in einem Schnellimbiss gestern Abend gar nicht gut getan hat.
Allerdings wurden meine Magennerven auf dieser Fahrt gleich 2fach auf die Probe gestellt. Die S-Bahn aus der Stadt heraus, so gegen 10:00 war anscheinend noch der Zug, in dem Kampftrinker den Heimweg nach durchzechter Nacht aus der Stadt antreten. Von dieser Sorte steigt eine Truppe in mein Abteil, setzt sich in die Nähe. Einer von ihnen fängt kurz nach der Abfahrt  an, sich  still und  heimlich unter den Sitz zu übergeben. Nichts wie weg hier. Das Fahrrad musste ich in dem Abteil stehen lassen.
Dann kam die Überfahrt nach Dunoon! Ganz schöne Wellen! Kleine Fähre, keine Autofähre. Doch zum Glück hatte meine 11:00 Uhr Banane eine wohltuende Wirkung auf meine Magenwände!



Da vorne sind dann auch schon die Berge! Da kann man nicht mehr von Hügeln sprechen. Mannomann! Und das bei dem Wetter. Schaumermal, dann sehn wir schon!


Die Überfahrt dauert nur eine knappe halbe Stunde. Dunoon wirkt nett, - ein wenig verschlafen!

Am Hafen werde ich auf Ersisch  oder Gàidhlig begrüßt. Jetzt bin ich endgültig in Schottland angekommen


Das schottische Gälisch gehört zu den goidelischen Sprachen. Es ist mit dem Irischen Gälisch und dem Manx der Isle of Main verwandt (das eigentlich mal "ausgestorben" war). Ob die Leute hier tatsächlich noch Gàidhelig sprechen, oder ob die Beschilderungen nur eine Form der politischen Selbstbehauptung sind, weiß ich im Augenblick noch nicht.
Da ich ein wenig früh für die Unterkunft dran bin, setze ich mich ins Hafencafé um einen Tee zu trinken. Ich bin in sehr unterhaltsamer Gesellschaft. Auf der Halbinsel ist an diesem Wochenende ein Punkfestival gewesen. Ja, ja auch die Punkerschaft ist in die Jahre gekommen. Da muss schon ein XXXl Punker T-Shirt über die Bierplautze, - und dann ist immer noch nabelfrei angesagt. Und auch der Irokese will nicht mehr so recht stehen, - mangels Bewuchses der Kopfhaut. Aber die älteren Herrschaften sind gut drauf. Schwärmen von den Konzerten - und trinken Tee oder Kaffee. Die neu gekauften Doc Martens stehen in proppren Plastiktüten unterm Tisch. Tempora mutantur... oder        "s´ischnemedes" wie der gebildete Schwabe sagt.
Nach einer ausgiebigen Mittagspause - 2 Regengüsse habe ich durchziehen lassen, mache ich mich auf die Suche nach meiner Unterkunft.
Wow, das ist  heute wirklich wieder ein supernettes "Bed&Breakfast", richtig nette Leute. Lassen mich auch gleich rein, obwohl es noch nicht 15:00 ist.
Inzwischen war ich noch einmal im Flecken, habe wirklich gut gegessen. Das Lokal gerammelt voll, es gibt nur ein Gericht, aber das war lecker.
Ich habe auch eine gute Radkarte der Gegend bekommen, d.h. auch wenn es wettermäßig weniger toll werden sollte, die Strecke sollte machbar sein.

Dunoon liegt übrigens auf der Cowal Halbinsel, auf der einen Seite der Firth of Clyde, auf der anderen das Loch Striven. Ich werde Morgen noch am Heiligen Loch (Holy Loch), am Loch Tarsan (nein, nicht mit z) und am Loch Riddon vorbeikommen, um dann hopefully, am Loch Fyne zu nächtigen.

Damit Ihr Euch das besser vorstellen könnt:


Nein, das ist nicht meine neue Radkarte!  Oben rechts bei 30 bin ich im Augenblick und muss Morgen nach unten links 22 zur nächsten Fähre. Wenn die bezaubernde Karte nicht lügt, dann schlängelt sich mein Weg durch die Berge, und nur einmal muss ich drüber um zum Loch Ridden zu kommen, bei Kames scheint auch eine Lücke zwischen den Bergrücken zu sein. Wehe die Karte lügt!

So noch ein Blick von meiner Pension Douglas aus

Lasst Euch von diesem palmenähnlichen Gewächs nicht täuschen! Es ist saukalt. Sicher nicht mehr als 12° und Windchill!
Also dann bis Morgen!

48.Tag: Aachen nach Engen und Schluss

Er ist wieder da! Wieder hier! ( Muss nicht mitgesungen werden) Eine wunderschöne Tour ist zu Ende, 2.101km sind es geworden! Die Rü...