die Route
Albert hatte heute Morgen einen schlechten Start! 3x mal will er mich durch die Fußgängerzone jagen und immer wieder in einen Hinterhof! Nein, was war keine reife Leistung. Und es bleibt mir ein unlösbares Rätsel, was er mit "mein Vorschlag" und "einfach" meint. Sein Vorschlag heute, war eindeutig Mist. Und "einfach" war genial. - Nicht wie anderntags schon, "einfaches" Profil, dafür aber befahrene Straßen. Nein "einfach" war heute 50 km entlang des "Firth to Clyde"-Kanals, 50 km so wie ich es liebe! Treidelpfade!
Mag ich fast noch lieber als Eisenbahntrassen!
Falkirk liegt am Forth to Clyde Kanal. Also einer Verbindung vom Firth of Forth und damit der Nordsee mit dem Firth of Clyde und damit der Irischen See.
Der Kanal wurde bereits Ende des 18. Jahrhunderts gebaut. Nach dem Treideln mit Pferden wurden eine zeitlang Dampfboote eingesetzt
Im 20.Jahrhundert hat er überhaupt keine wirtschaftliche Bedeutung mehr gehabt und wurde z.T. wieder zugeschüttet. Erst um 2000 hat man ihn wieder reaktiviert. Für Freizeit und Sport.
Hinter Falkirk hat man, für diesen Spaß-Kanal ein unglaubliches Bauwerk hingeklotzt. Hier wurde, um eine Verbindung mit dem Union Canal zu schaffen, der fast bis Edinburgh reicht, ein weltweit einmaliges Schiffs "Riesenrad" gebaut. Das Falkirk Wheel.
Man kann es fast nicht glauben, dass so ein Aufwand für ein paar Ausflugsboote betrieben wurde. Heute ist es aber durchaus ein touristisches Highlight für die ganze Region.
Also das ist das Falkirk Wheel. Oben am Hügel geht der Union Canal los.
Und jetzt setzt sich das Wheel in Bewegung. D.h. in jedem der beiden Kreise der Schaukel, ist eine auf Rollen gelagerte Wanne. Darin, rechts ein Boot, das hinunter in den Forth to Clyde Kanal will und links Boot, das hinauf in den Union Canal gehoben wird.
Jetzt kann man auch den Anfang vom Union Canal sehen.
Das war schon beeindruckend!!!
Beindruckend auch, aber leider in einem negativen Sinn, war der Wind. Angekündigt waren "starke Winde" gelegentliche "gusts" - gelegentlich ist gut. Das waren schon "Sturmböen" und die kamen mit steter Regelmäßigkeit so heftig, als wäre es ihnen ein persönliches Anliegen mich von dem Radweg zu pusten. Nein, das war nicht lustig, und der regelmäßig wiederkehrende Sprühregen auch nicht. Zu wenig um die Regenklamotten rauszuholen, und zu viel um sich warm zu radeln.
Ein Glück, dass die Strecke heute ein sehr angenehmes Profil hatte. Zwischendurch hat mich auch mal eine Radlergruppe überholt, der ich mich angeschlossen habe. War das schön, einen Belgischen Kreis ganz hinten zu fahren. Als der Letzte der Truppe immer häufiger über die Schulter schaute, habe ich mich dann wieder abgehängt. Die wären auf Dauer auch zu schnell für mich gewesen.
Um 14:00 im Hotel, einchecken und auf Sightseeing in Glasgow. Sorry, Helga, deine E-Mail mit den Tipps habe ich eben jetzt erst glesen, da war es schon zu spät.
Glasgow gefällt mir gut. Auch wenn man die Stadt nicht mit Edinburgh vergleichen kann. Boomtown in der Industrialisierung, da blieb nicht viel Historisches übrig. Dann Reichtum im 19.Jahrhundert. Historismus und später Jugenstil.
Und eine sehr quirlige Innenstadt, vor allem an einem Samstag Nachmittag. Straßenmusik an allen Ecken- zum Glück nicht nur Dudelsackspieler, - wohlgemerkt ich habe e i g e n t l i c h überhaupt nichts gegen Dudelsack, nur wenn sich die Straßenmusiker "überschneiden", und man von einem Dudelsack zum anderen weitergereicht wird.
Lord Wellington hat inzwischen auch ein Hütchen bekommen. Mir gefällt diese neue Tradition der "Helden-Entehrung". Das GoMA dahinter, das Glasgower Museum für Moderne Kunst, war eher eine Enttäuschung. Es war praktisch nur ein Stockwerk zu besichtigen und alle Sonderausstellungen waren noch im Aufbau, bzw. verschoben worden.
Der Hauptbahnhof hat eine sehr schöne Jugendstilfassade, wie auch eine Reihe von alten "department stores" haben mich ein wenig an die Pariser Konsumtempel erinnert. Hier war Geld ausgeben schon immer ein Erlebnis, "event-shoppen" würde wir heute sagen.
Einschließlich des kostenlosen Auftragens, des so eben Gekauften.
Von allen Straßenmusikanten haben mir diese Jungs am besten gefallen. Weil sie so wunderbar diletantisch auf ihrer selbstgebauten Batterie rumgeklopft haben.
So jetzt will ich Euch nicht länger auf die Folter spannen. Schließlich wollen Alle wissen, wie es Friederike ergangen ist.
Doch eines muss ich noch los werden.
Nachdem ich meine Mütze nicht mehr finden konnte. Habe ich mir heute eine original schottische Tweed Kappe gekauft.
Mit durchschlagendem Erfolg.
Schon in der nächsten halben Stunde nach dem Erwerb meiner neuen Kopfbedeckung wurde ich von ortsfremden Schotten nach dem Weg gefragt.
Motto des Tages: „DIE KISTE ist zu groß“
Der Taxifahrer schüttelte noch
lange den Kopf über das Riesending hintendrin und mich auf dem Klappsitz, und auch
ich musste immer wieder grinsen, wie der Manne wie das Äffle auf diesen Sitz
gesprungen ist, um dem armen Mann zu zeigen, dass das doch geht.
Am Flughafen hat er mir noch
geholfen DIE KISTE auf einen Gepäckwagen zu hieven, so schräg nach oben
gestellt, so dass ich blind nach vorne dieses Gefährt durch den Parkplatz und
in den Flughafen bugsieren musste. Kann man das eigentlich auch ziehen? Ha das
ging viel besser, allerdings muss man gebückt laufen, denn DIE KISTE ragt ja
hochkant drüber. Zumindest überfährt man so niemanden.
„Die Kiste ist zu groß“, sagt das
Fräulein am Counter mit hochgezogene Augenbrauen. Ich ganz frech “damit bin ich
aber von Zürich nach Luton geflogen“. Die Augenbrauen bleiben oben. Dann große
Prozession zum Oversize-Gepäckabgabeschalter: DIE KISTE, zwei Fräuleins und
ich.
„Die Kiste ist zu groß“ sagt der
Mann, sie geht nämlich nicht durch das Oversize-Gepäckband und da müssen alle
Sachen durch weil sie gewogen und durchleuchtet werden. Er muss sie aufmachen.
Ich verzweifelt: “aber ich
bekomme die nie mehr zu.“ Der Mann holt in aller Ruhe sein Teppichmesser, schlitzt
die Klebebänder auf, untersucht das Fahrrad, ist zufrieden und klebt alles
wieder ganz ordentlich zu. Ich frage ihn ob er draufschreiben kann, dass alles
kontrolliert ist, damit ich das Gleiche nicht nochmal in Luton machen muss. Das
geht leider nicht, aber er schenkt mir die Rolle Klebeband. Das ist nett, lässt
aber nichts Gutes erwarten.
Also jetzt erstmal ausruhen, der
Abflug verzögert sich ziemlich, ich genieße die Zeit ohne DIE KISTE.
Und ich beobachte mit Sorge, wie
sie bei Nieselregen ins Flugzeug geladen wird.
In Luton steht DIE KISTE schon
neben dem Gepäckband und wie bei der Ankunft vor zwei Wochen ziehe ich sie
neben mir her. Aber sie ist viel viel größer und viel viel schwerer. Ich leiste
mir einen Gepäckwagen für 3 Pfund, bitte einen Flughafenmann mir zu helfen,
aber DIE KISTE rutscht runter, der Wagen
ist zu kurz. Also doch schieben und
ziehen. Und ich muss ganz raus aus dem Flughafen und auf der anderen
Seite des Gebäudes wieder rein. Straßenbelag, Baustelle, Steine. Hilfe bekomme
ich von einem jungen Mann (Ungar), der
eigentlich auf seine Freundin wartet „Die Kiste ist doch viel zu groß für Sie“
sagt er – ja stimmt, endlich versteht mich mal einer!!!!, danke Lazlo! Er zieht
sie mit großer Kraft über all den rauen Belag. Ich kann ihn ja schlecht bitten
lieber zu tragen, aber ich befürchte, dass sie allmählich unten kaputt geht.
Und so war’s, die ganzen Klebestreifen waren weggeribbelt und ich musste alles
neu zukleben. Dafür hatte ich ja das Klebeband aus Edinburgh. Trotzdem danke
lieber Lazlo, ohne dich hätte ich DIE KISTE
vielleicht einfach stehenlassen.
Dann vier Stunden in der
Abflughalle neben DER KISTE und
schließlich das Gleiche wie in Edinburgh. Netterweise versuchen sie erst mit
einem mobilen Röntgengerät in die Trageschlitze reinzuleuchten, aber sie sehen
nichts. Also wird wieder das Klebeband aufgeschlitzt, dieses Mal mit einem
Kugelschreiber, und ich reiche ihnen zum Zumachen großzügig mein Klebeband. Es
ist jetzt fast aufgebraucht.
Die nächsten Stunden genieße ich
in vollen Zügen, DIE KISTE ist wohl versorgt.
In Zürich schaffe ich es fast
nicht mehr, sie aus der Halle rauszuziehen, eine nette Frau kommt mir zur
Hilfe.
Ja und dann ist Marie da und
lacht sich kaputt über DIE KISTE, und gemeinsam ziehen wir sie zum Auto und
nichtmal in den Caddy geht sie rein. Wir befreien mein kleines zierliches Rad
und trampeln „DIE KISTE“ kaputt. Juhu! Das macht Spaß!
Das war meine Rückreise!
Irgendwie sind die schon immer besonders: bei der ersten Reise bin ich morgens
um 6 Uhr durch ganz Paris geradelt, von Gare L‘Austerlitz nach Gare de L’Est,
letztes Jahr von Liberec mit dem „Quer durch Land“ siebenmal umgestiegen und
einmal in den falschen Zug und dieses Jahr meine Reise mit „Der KISTE“. Was
kommt nächstes Jahr? Aber jetzt ist erstmal die Weiterreise von Manne dran.

















Interessant und unterhaltsam, Euer Blog. Vielen Dank, Friederike und Dir, Manne weniger Gegenwind!
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